Nikolaus hilft in der Not

Manchmal hat auch ein Nikolaus seine Not

Wieder einmal gab es Streit zwischen Julia und ihren Brüdern Tom und Tobias. Julia hatte heute nämlich den Nikolaus in der Stadt gesehen, doch ihre Brüder glaubten es ihr nicht.
„Dumme Nuss“, spottete Tobias. „Es gibt keinen Nikolaus.“
Auch Tom kicherte. „Der verkleidete Nikolauskerl macht bloß Reklame für die Kaufhalle.“
Das wollte Julia nicht hören. „Es gibt ihn, den Nikolaus“, sagte sie. „Für alle ist er da. Und armen Menschen hilft er in der Not. Das weiß jeder.“
„Höhö!“, johlten Tom und Tobias. „Bist du denn ein armer Mensch in Not?“ Dann schubsten sie Julia unsanft hin und her und lachten.
„Ihr seid gemein, gemein, gemein“, heulte Julia. „Und das sag ich auch dem Nikolaus. Der hilft mir. Ihr werdet es schon sehen!“
Sie riss sich los und machte sich auf den Weg zum Nikolaus. Unterwegs sah sie viele Nikoläuse: In den Schaufenstern standen sie aus Schokolade und Lebkuchen, auf Bildern und Weihnachtsdekorationen lachten sie ihr entgegen, und vor dem Supermarkt stand ein Plastik-Nikolaus, der sich ein um das andere Mal verbeugte.
Vor der Kaufhalle fand Julia endlich den echten Nikolaus mit einem roten Mantel, weißem Bart und einem prall gefüllten Nikolaussack.
Fröhlich lächelte Julia dem Nikolaus zu. Der aber blickte gar nicht fröhlich drein. Traurig sah er aus und müde, und eine rote Frostnase hatte er auch. Frierend schenkte er den Leuten, die an ihm vorbei drängelten, bunte Prospekte. Die Leute aber schienen sich darüber nicht zu freuen. Sie stießen ihn zur Seite, schubsten, lachten oder riefen hässliche Worte.
‚Wie Tom und Tobias‘, dachte Julia. ‚Armer Nikolaus!‘
Zaghaft lächelte sie ihm wieder zu, und nun lächelte der Nikolaus zurück.
Da fasste sich Julia ein Herz. Sie ging zu ihm hinüber und fragte:
„Kannst du mir helfen?“
Der Nikolaus sah sie ungläubig an. „Ich? Dir helfen?“
Julia nickte. „Du hilfst doch allen in der Not, oder?“
Da lachte der Nikolaus bitter auf. „Ich könnte selbst Hilfe brauchen“, sagte er dann.
Julia konnte es nicht fassen. „Du brauchst Hilfe? Du bist doch nicht arm und schwach, Nikolaus. Oder?“
Der Nikolaus blickte erstaunt auf. „Bist du denn arm und schwach?“, fragte er.
Julia nickte. „Und wie“, sagte sie und erzählte von ihrer Not mit Tom und Tobias.
Der Nikolaus nickte. „Ich kann dich gut verstehen. Aber ich bin nicht der Nikolaus. Tut mir leid.“
Julia erschrak. „Aber warum stehst du denn hier?“
„Weil ich Geld für mein Studium verdienen muss“, antwortete der Nikolaus.
„Geld?“, fragte Julia verständnislos. „Studium?“
Da erzählte der Nikolaus, der kein Nikolaus war, dass er die Miete für sein Zimmer nicht mehr bezahlen konnte.
„Und deshalb“, schloss er, „habe ich diesen Job als Nikolaus. Doch es macht keinen Spaß.“ Er griff in den Sack und reichte Julia ein Reklameblatt. „Das passt nicht zum echten Nikolaus, oder?“
„Nein“, sagte Julia, „das passt nicht.“
„Übrigens, ich heiße Peter“, sagte der Nikolaus.
„Ich bin Julia“, sagte Julia. Sie war enttäuscht. „Schade“, sagte sie, „dass du nicht echt bist. Jetzt lachen mich Tom und Tobias wieder aus.“
Da lächelte der Peter-Nikolaus. „Komm!“, sagte er und fasste Julia an der Hand. „Ich mag kein Reklame-Nikolaus mehr sein. Und die Sache mit deinen Brüdern, hm, vielleicht kann ich dir ja doch helfen.“
Dann gingen Julia und der Peter-Nikolaus nach Hause.
Tom und Tobias staunten nicht schlecht, als Julia einen Nikolaus, der recht grimmig dreinblickte, mitbrachte. Ein bisschen bekamen sie es nun doch mit der Angst zu tun.
„Der Nikolaus“, erklärte Julia, „hilft mir, weil ich arm und schwach bin.“
„D-du b-bist arm und schwach?“, stotterte Tom, und Tobias rief:
„Du hast doch uns, wenn du Hilfe brauchst.“
Da mussten Julia und der Peter-Nikolaus lachen.
„Na ja“, meinte Peter und zog sein Kostüm aus. „Ihr seid nicht arm und schwach, und ich bin kein Nikolaus. Aber es muss ja nicht immer ein Nikolaus sein, der hilft, oder?“
„Nein“, riefen Tobias und Tom wie aus einem Mund.
„Helfen“, meinte Tobias, „kann jeder. Dazu braucht man keinen Nikolaus.“
„Stimmt“, sagte Julia leise, „es muss nicht immer der Nikolaus sein.“
Und sie musste auf einmal an Oma und ihr großes Haus denken. Ob sie nicht ein Zimmer an Peter vermieten könnte? Julia überlegte. Dann wäre Oma auch ein Helfer in der Not. Gleich morgen, nahm sich Julia vor, würde sie sie fragen. Hoffentlich sagte Oma „ja“!

© Elke Bräunling

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Elke Bräunling, Kinderbuchautorin
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