Der Ochs’ im Stall

Ein Gespräch mit Kuh Milla

„Du bist berühmt. Ich habe gerade vorhin von dir gehört“, erzählte der kleine Junge der Kuh auf der Weide.
„Ich?“, fragte Kuh Milla, die keine Ahnung hatte, was dieses ‚Berühmtsein‘ bedeuten sollte. Es war ihr auch egal.
„Alle kennen dich und alle mögen deine Geschichte so sehr leiden, dass sie sie feiern. Sie feiern auch dich.“
„Mich?“ Milla lachte auf, bevor sie ihr Maul wieder zu dem kargen Grasbüschel hinab senkte. „Das Essen wird auch immer knapper“, brabbelte sie mit vollem Mund.
„Es wird ja auch Winter. Eigentlich ist er das schon, denn bald ist Weihnachten.“
„Weihnachten? Macht das satt?“, fragte Milla.
Der Junge kicherte. „Weihnachten kann man doch nicht essen. Nur feiern kann man es. Mit Lichtern, Liedern und Geschichten. Auch mit Essen natürlich, aber deswegen feiert man nicht.“
„Nicht?“, fragte Milla, die lieber an ihr Futter dachte. „Was interessiert es mich?“
„Na, deine Geschichte. Die ist doch interessant. Und toll.“
„Toll? Was ist das?“
„Na, dass alle dich und deine Geschichte kennen“, sagte der kleine Junge.
Er war etwas ungeduldig geworden, und deshalb redete er gleich weiter, bevor Milla wieder eine ihrer seltsamen Fragen stellen konnte. „Im Stall standest du bei der Krippe, als das Christkind auf die Welt gekommen ist. Gleich neben dem Esel hattest du deinen Platz. Aufgepasst hast du es. Und mit deinem Atem gewärmt hast du das kleine Kind und …
„Ich? Welches Kind?“, unterbrach Milla den aufgeregten Jungen. „Nie hat es in meinem Stall einen Esel gegeben.“
„Aber ja!“ Der Junge stampfte mit dem Fuß auf. „Meine Mama hat mir die Geschichte von dir und dem Kind heute vorgelesen. „Da lag das Kind in der Krippe bei Ochs und Esel und schlief. Und…“
„Ochs?“, rief die Kuh Milla da. „Ich bin doch kein Ochse. Ich bin eine Kuh und … und ich bin zwar schon alt, aber nicht sooo alt, dass ich in deine Geschichte passe.“
„Schade.“ Mit traurigen Augen sah der Junge Milla an. „Es hatte so gut gepasst.“
„Ja, schade“, sagte Milla und irgendwie fühlte sie sich nun auch danach. Schade nämlich, irgendwie.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

18. Dezember 2016 von Elke
Kategorien: Geschichten über Gefühle, Kindergeschichten, Tiergeschichten, Weihnachtsgeschichten, Wintergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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