Winter auf der Fensterbank


Der Gummibaum langweilt sich in der Winterruhezeit, er nörgelt auch gerne

„Diese Zeit, die die Menschen Winter nennen, ist eine seltsame Zeit“, murmelte der kleine Gummibaum auf der Fensterbank. „Und eine langweilige.“
„Langweilig?“, fragte die Vorgartentanne, deren Zweige fast bis zur Fensterbank ragten. „Was ist das?“
„Das … das passiert dir, wenn es nichts zu tun gibt“, erklärte der Gummibaum.
„Nichts zu tun?“ Die Tanne konnte den jungen Kollegen nicht ganz verstehen.
„Na ja. Ruhen soll ich, sagen meine Menschen. Damit ich im Frühling Kraft habe, neue Blätter ans Licht zu bringen. Pah! Das könnte ich auch jetzt tun!“
„Und warum tust du es dann nicht?“ Die Tanne klang nun selbst gelangweilt. Sie mochte Unzufriedenheit nicht leiden.
„Weil mir dazu ein wenig an Nahrung fehlt. Auch brauche ich mehr Wasser und mehr Licht. Ist doch klar.“
„Klar. Ich verstehe.“ Die Tanne nickte. „Bald wirst du wieder die Kraft finden, deinen Job zu tun. Jetzt herrscht Winterruhe und das ist gut so.“
„Winterruhe? Was ist das?“
Die Tanne seufzte. „Das ist die Zeit des Ausruhen und Nichtstuns und Kräftesammelns. Die Zeit, in der nichts Neues wachsen will. Wir alle brauchen eine Pause. Auch dir wird sie gut tun.“
„Okay! Du meinst, wir müssen warten?“
„Genau. Warten und Ruhen, das ist jetzt unser Job.“
„Und warum besuchen dich dann diese wunderfeinen, kleinen weißen Sternchen?“, quengelte der Gummibaum weiter.
„Es sind Schneeflocken.“ Die Tanne seufzte wieder. „Sie sind Kinder des Winters.“
„Aha!“, maulte der Gummibaum. „Sie dürfen arbeiten und deine Nadeln schmücken. Dir wird nicht langweilig. Du kannst dich mit diesen Winterkindern unterhalten. Du hast es gut. Ich aber, ich …“
Der Gummibaum redete und redete
Die Tanne schwieg. Sie hatte keine Lust mehr, sich mit diesem Nörgelkopf weiter zu unterhalten. Hatte er es doch gut im warmen Zimmer und musste nicht frieren.
„Manche Kollegen sind nie zufrieden“, murmelte sie und schüttelte ihre Krone. „Es ist wie bei den Menschen.“
Der Gummibaum hörte ihr nicht mehr zu. Er hatte sich längst der Hyazinthe zugewandt, die seit einigen Tagen neben ihm ihren Platz auf der Fensterbank hatte und ihren hellgrünen Blütentrieb immer größer und kräftiger wachsen ließ.
„Warum arbeitest du, du hässlicher Knollenzwerg?“, herrschte er sie an. „Wir haben Winterzeit! Da wird geruht und sich gelangweilt. Hörst du?“
Und er begann, weiter und weiter auf die arme Hyazinthe einzureden.
Die Tanne atmete auf. Endlich Ruhe! Es war auch höchste Zeit.

© Elke Bräunling

Aus dem Buch:

Taschenbuch Hör mal, Oma! Ich erzähle dir eine Geschichte vom Winter: Wintergeschichten – von Kindern erzählt
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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

09. Januar 2017 von Elke
Kategorien: Blumengeschichten, Geschichten über Gefühle, Kindergeschichten, Naturgeschichten, Wintergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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