Der kleine Rabe und der schöne Schneemann

Der kleine Rabe trifft den schönsten Schneemann im Wald

Der Winter war hart gewesen. Eine dicke Schneeschicht lag über dem Land. Schön sah das aus! Die Menschen, die den Wald besuchten, freuten sich sehr über das glitzernde Weiß. Die Waldtiere aber sehnten sich das Ende der frostigen Zeit herbei. Die Futtersuche im Schnee war nämlich nicht einfach.
Auch der Magen des kleinen Raben knurrte. Weit und weiter flog er durch den Wald, um etwas Essbares zu finden. Auf einem dieser Ausflüge traf er einen Schneemann. Groß und stattlich stand der am Waldrand.
„Wer bist du?“, fragte der kleine Rabe.
„Ein Schneemann bin ich“, antwortete der fremde Weiße. „Kinder haben mich gebaut und die Leute, die mich sehen, sagen, ich sei der schönste Schneemann im Wald.“
Stolz reckte er seine Möhrennase ein wenig höher in die Luft. „Es fühlt sich gut an, der Schönste zu sein.“
Das verstand der kleine Rabe nicht ganz. „Ist das wichtig?“, fragte er.
Der Schneemann nickte. „Sehr wichtig sogar. Man wird von allen bewundert.“
„Aha!“ staunte der kleine Rabe, auch wenn er das mit dem Schönsein nicht ganz verstand.
In diesem Augenblick streichelte ein Sonnenstrahl den Schneemann und der schimmerte und gleißte von Kopf bis Fuß wie ein funkelnder Glitzerkristall.
„Oh! Wie schön!“ Der kleine Rabe staunte. „Jetzt weiß ich, was du meinst.“
Die Stimme des Schneemanns aber klang nun nicht mehr ganz so stolz und glücklich.
„Gar nichts weißt du“, klagte er. „Dieser gelbe Riesenstern mit seinen warmen Strahlen zerstört meine Schönheit. Siehst du, wie ich schwitze?“
„Das ist die Sonne“, erklärte der kleine Rabe. Sie wärmt mein Federkleid – und deine weiße Glitzerhaut.
„Sie wärmt nicht“, heulte der Schneemann. „Nein. Sie zerstört mich und meine Schönheit. Sie lässt mich schwitzen und schrumpfen und ich werde immer mehr in mich zusammenfallen.
„Hm.“ Prüfend sah der kleine Rabe den Schneemann an. Er wischte ein paar Wassertropfen von dessen Stirn und drückte die Möhrennase, die ein bisschen wackelte, im Schneemanngesicht fest.
„Du wirst immer kleiner“, murmelte er. „Ja, du schrumpfst.“
Der Schneemann heulte noch einmal auf. „Die Sonne ist schuld. Bald wird niemand mehr vor mir stehen bleiben, um mich zu bewundern.“
„Armer schöner Schneemann!“, murmelte er. „Ich wünsche dir viel Glück. Doch nun muss ich weiter ziehen. Mein Magen knurrt. Morgen werde ich dich wieder besuchen.“
„Morgen“, seufzte der Schneemann, „werde ich vielleicht nur noch ein nasses Häuflein Schnee sein, das geschmolzen am Boden liegt.“
Tröstend pickte der kleine Rabe da ein Küsschen auf die tränende Schneemannbacke. „Vielleicht treffen wir uns im nächsten Winter wieder?“
„J-j-ja, vielleicht. Leb wohl!“ Die Stimme des Schneemannes klang nun sehr kläglich.
„Bis dann also!“ Der kleine Rabe machte sich auf den Heimweg. Er musste noch lange an den schönen Schneemann denken und murmelte:
„Eigentlich ist es gar nicht schön, so schön zu sein.“

© Elke Bräunling

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

18. Januar 2017 von Elke
Kategorien: Geschichten über Gefühle, Kindergeschichten, Märchen, Naturgeschichten, Waldgeschichten, Wintergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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