Wunderkerzen für Oma Schmittke

Als einmal die Kerze in Oma Schmittkes Fenster nicht brannte

„Schaut bei Oma Schmittke! Das Licht ist aus.“
„Das Licht ist aus? Das kann nicht sein.“
„Ihr meint, da ist keine Kerze im Fenster?“
„Doch! Aber die leuchtet nicht.“
„Das war noch nie.“
„Da muss etwas passiert sein!“
„Oh!“
Aufgeregt riefen die Leute in der Siedlung durcheinander. Noch nie hatte es einen Abend ohne Kerzenlicht in Oma Schmittkes Küchenfenster gegeben. Das dunkle Fenster fühlte sich falsch an. Kerzenlicht gehörte zu diesem Haus und zu Oma Schmittke. Das war schon immer so.
„Das ist meine Wunderkerze“, sagte Oma Schmittke immer. „Irgendwann wird es vielleicht doch noch kommen, mein kleines großes Wunder. Und wenn nicht, so habe ich wenigstens alles dafür getan.“
Manchmal hatten die Leute in der Siedlung darüber gelacht. Wie konnte man so abergläubisch sein? Trotzdem fühlte es sich nun falsch an, dass das Fenster dunkel geblieben ist. Das Fenster und das ganze Haus.
„Wo steckt Oma Schmittke?“
„Alle Fenster sind dunkel.“
„Wer hat sie heute gesehen?“
„Ist etwas passiert?“
„Vielleicht ist sie gestürzt und liegt hilflos im Haus.“
„Wir müssen etwas unternehmen.“
Und gemeinsam gingen sie zur alten Lina, die den Schlüssel zu Oma Schmittkes Häuschen hatte und die dort auch gleich nach dem Rechten sah. Alles war in Ordnung. Nur Oma Schmittke fehlte.
„Da hilft nur ein Wunder!“, sagte die alte Lina und entzündete den Docht der Kerze.
Um dem Wunder ein bisschen mehr nachzuhelfen, holten die Nachbarn noch mehr Kerzen und stellten sie auf die Fensterbänke. Die Kinder hängten Wunderkerzen, die vom Weihnachtsfest übrig geblieben waren, in den Kirschbaum.
Schön sah das Haus nun aus. Wunderfunkelschön.
Das fand auch Oma Schmittke, als sie wenig später mit dem Taxi vorfuhr.
„Was ist hier los?“, rief sie. „Was feiert ihr hier?“
„Wir warten auf ein Wunder!“, riefen die Kinder.
„Wir haben uns Sorgen um dich gemacht, Oma Schmittke“, sagten die Erwachsenen. „Es ist dir doch hoffentlich nichts passiert?“
„Nein. Es ist nichts passiert“, antwortete Oma Schmittke. „Halt! Doch! Ein Wunder ist geschehen und das müssen wir feiern. Kommt, ich lade euch zu Zimtwaffeln mit Kirschsoße ein.“
Zimtwaffeln mit Kirschsoße? Dazu konnte keiner ‚nein‘ sagen und als alle um den großen Küchentisch saßen und Oma Schmittke mit der alten Lina die Waffeln buk, erzählte sie von dem Brief, den sie heute bekommen hatte. Der war von ihrem Sohn, von den sie wegen eines Streits vor mehr als fünfzig Jahren nichts mehr gehört hatte.
„Er lebt!“, sagte sie. „Oh, ich bin so glücklich. Und bald kommt er mich besuchen.“ Freudentränen stahlen sich in ihre Augenwinkel. „Es lohnt sich, auf Wunder zu warten. Oh, und wie es sich lohnt!“
Sie blickte auf und lächelte. „Auch ihr alle seid so etwas wie ein Wunder, denn ihr seid füreinander da. Gibt es Schöneres?“
Darauf sagte erst mal keiner mehr etwas, denn auf einmal hatten alle Tränen in den Augen. Nur die Kerzen, die brannten weiter.

© Elke Bräunling

Viele, viele wundervolle ganz neue Bilder mit Wunderkerzen findet ihr hier: #365doodlesmitjohanna-Wunderkerze
Schaut mal vorbei!

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

22. Januar 2017 von Elke
Kategorien: Freundschaftsgeschichten, Geschichten über Gefühle, Kindergeschichten, Mutgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

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