Miesepetertag

An manchen Tagen kann die Welt ganz schön grau sein

Sehr schlecht gelaunt ist Carlos heute Morgen aufgewacht. Es ist, als hätte eine Traumhexe den Tag grau gezaubert. Grau mit roten Ärgerpunkten. Und so fühlt sich auch alles heute an. Das Aufstehen, das Duschen, der doofe gelbe Pullover mit dem Schokoflecken am Ärmel und die Schultasche, die nicht gepackt ist und in der das Rechenheft mit der Vier auf Mamas oder Papas Unterschrift wartet. Das würde Ärger geben, und den kann Carlos heute nicht vertragen.
„Der Pullover ist blöd“, murrt er beim Frühstück. „Er hat einen Fleck und die Farbe ist eine doofe Mädchenfarbe.“
„Diesen Pullover wolltest du unbedingt haben“, sagt Papa. „Nun beeil dich und meckere nicht!“
„Tauschen wir?“, fragt Alissa. „Du kannst meinen grünen haben.“
Ein blödes Angebot.
„Bloß nicht! Der ist gruselig hässlich und passt zu dir“, mault Carlos seine Schwester an.
„Blödmann!“ Alissa versucht es mit einem Lachen, doch irgendwie ist ihr nun nicht mehr danach.
„Treffen wir uns nach der Schule im Pizzastübchen?“, schlägt Mama vor. „Ich habe heute keine Zeit zum Kochen.“
„Wäh!“ Carlos, der Pizza sonst über alles liebt, heult auf. „Das schmeckt eklig dort.“
„Okay.“ Mama schluckt. „Dann streiche ich dir ein paar Käsebrote. Du kannst sie in der Schule essen und nach dem Pizzaessen holen wir dich in der Schule ab.“
„Ich gehe heute nicht in die Schule“ Carlos schüttelt den Kopf und stopft sich den Mund so voller Cornflakes, dass er sich verschluckt. „Es ist doof dort.“
„Was genau ist doof?“, erkundigt sich Mama.
„Alles.“ Mehr kann Carlos gerade nicht sagen, denn er muss kauen und die zu vielen Cornflakes im Mund irgendwie runterschlucken.
„Meckerkopf“, sagt Papa und er grinst dieses schadenfrohe Grinsen, das Carlos nicht leiden kann. Aber überhaupt nicht.
„Ich bin kein Meckerkopf! Der Tag ist blöd. Und ihr seid auch alle blöd“, schimpft er da auch schon los und, patsch, fliegen die Cornflakes Stück für Stück für Stück aus seinem Mund. Sie verteilen sich überall auf dem Frühstückstisch.
„Carlosss!“, schreit Mama. Ein wütendes Carlosss mit drei sss.
„Launeverderber!“, zischelt Alissa und Papa murmelt:
„Wie kann man nur so ein Miesepeter sein?“
„Selber Miesepeter?“, knurrt Carlos. „Dieser ganze Tag ist einer.“
Er schnappt sich seine Tasche und macht, dass er fortkommt. Mit gelbem Pullover und ohne Käsebrote, aber mit einem Rechenheft ohne Elternunterschrift. Egal. An so einem doofen Tag kann man nicht viel erwarten.
Aber ehrlich: Ganz so doof war der Tag dann doch nicht. Im Gegenteil. Viele tolle Neuigkeiten will Carlos erzählen, als er am Nachmittag Papa wieder sieht.
Der aber winkt ab.
„Oh! Was für ein Käse aber auch!“, schimpft Papa und seine Stimme klingt brummig. „Diesen Tag kann man echt in der Pfeife rauchen!“
„Miesepeter“, sagt Carlos. Er sagt es nur leise. Dann muss er lachen.
Er hat es wirklich in sich, der Tag heute.

© Elke Bräunling

 

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

29. Januar 2017 von Elke
Kategorien: Familiengeschichten, Geschichten über Gefühle, Kindergeschichten | Schlagwörter: , , , , | Schreibe einen Kommentar

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