Das Herz im Park

Vom Herzen, das seinen Platz im Tag suchte

Einmal fand ein Mann ein Herz auf der Straße. Mitten auf dem Straßenpflaster lag es und man konnte meinen, es lächelte es ihm zu.
„Nimm mich mit!“, flüsterte es.
Der Mann aber schüttelte den Kopf. Mit Herzen hatte er gerade nichts am Hut. Er war zu sehr beschäftigt mit seiner Arbeit. Ein Herz konnte er dabei nicht brauchen.
„Geht nicht! Ich habe keine Zeit. Tut mir leid!“, sagte er. „Später einmal. Ja, später können wir Freunde werden.“
Ein bisschen aber hatte er doch ein Herz für das Herz. Er hob es auf und legte es auf eine Bank neben den Marktplatzbrunnen.
„Hier sind viele Leute unterwegs“, sagte er. „Hier wirst du eine neue Heimat finden. Irgendjemand wird dich brauchen können.“
Da lag es nun und wartete. Es fühlte sich einsam und das war kein schönes Gefühl für ein Herz.
Später setzte sich eine Frau auf die Bank. Sie war nicht mehr ganz jung, aber auch nicht alt. Und sie war traurig, ein bisschen mürrisch auch. Das zeigten ihre Mundwinkel, die sich gegen ein Lächeln wehrten.
„Hallo!“, flüsterte das Herz. „Hast du ein Herz für ein einsames Herz?“
„Pah!“ Die Frau lachte bitter auf. „Von einsamen Herzen habe ich die Nase voll. Viel zu oft haben sie mich geködert und später im Stich gelassen. Nein, mein Herz hat keinen Platz für dich.“
Und ehe das Herz antworten konnte, erhob sie sich und ging weiter. Es sah aus wie eine Flucht.
„Die arme Frau!“ Das Herz seufzte. „Vielleicht kommt sie noch einmal zurück?“
Aber zwei junge Menschen waren es, die sich zu ihm auf die Bank setzten und einander viele Worte zuriefen. Von Liebe handelten die und von Verrat, von Treue und Langeweile, von Kummer und Gemeinheiten. Sie redeten viel. Dinge, die das Herz nicht verstand und irgendwie schienen sie selbst ihre Worte nicht ganz zu begreifen. Sie waren nämlich noch sehr jung, Kinder fast.
„Schau, da liegt ein Herz!“, sagte das Mädchen plötzlich.
„Hol’s dir!“, rief der Junge. Er schnappte sich das Herz und rannte los über den Platz hinüber zum Park.
„Hey, das ist mein Herz! Ich habe es zuerst gesehen.“ Das Mädchen lachte und folgte dem Jungen.
Lachend kamen sie in den Park und tänzelten über die große Wiese. Sie kicherten, umarmten einander, küssten sich und hatten viel Spaß miteinander. Das Herz war vergessen. Es glitt aus der Hand des Jungen und landete auf den Gänseblümchen. Dort lag es und fühlte sich inmitten der Blütenköpfe sehr herzlich aufgenommen.
Später, viel später vernahm es die Stimme eines alten, eines sehr alten Mannes.
„Oh! Ein Herz!“, rief der und eine zitternde Hand strich über die Gänseblümchen. „Blümchen wollte ich dir pflücken, mein Herz, und ein Herz habe ich für dich gefunden.“
Er hob das Herz auf und reichte es seiner Frau.
Die lächelte glücklich. „Wie schön!“, sagte sie. „Nun haben wir drei Herzen: deines, meines und dieses hier, das uns der Tag geschenkt hat. Dankeschön.“
„Ja, Dankeschön“, murmelte der Mann und das Herz, das lachte vor Glück.

© Elke Bräunling

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

02. Februar 2017 von Elke
Kategorien: Freundschaftsgeschichten, Geschichten über Gefühle, Kindergeschichten, Märchen, Mutgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

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