Der Zahn der Zeit

Nagt der Zahn der Zeit wirklich an Oma oder nur an der alten Kaffeemaschine?

„Das ist der Zahn der Zeit. Man kann sich nicht dagegen wehren.“
Mit unheilvoller Miene murmelte Oma diese Worte vor sich hin.
„Was ist ein ‚Zahn der Zeit‘?“, fragte Marius.
„Ein dummer Kerl.“ Oma war wütend.
„Zähne sind nicht dumm!“, sagte Marius. Oma redete manchmal wirklich doofes Zeugs. Besonders wenn sie wütend war. Oder hatte er etwas angestellt?
„Und ich bin auch kein dummer Kerl“, fügte er vorsichtshalber hinzu.
Schon lächelte die Oma wieder.
„Wer sagt das denn? Du bist mein liebster Schatz. Nie könnte ich mit dir böse sein.“
„Und was ist nun mit diesem Zeitzahn?“ Das wollte Marius nun doch wissen.
„Es ist eine Redensart. Wenn Dinge alt werden und nicht mehr so gut funktionieren, wie man es von ihnen erwartet, sagt man, der Zahn der Zeit hätte an ihnen genagt.“ Oma deutete auf die Kaffeemaschine, die seltsam gurgelnde Geräusche von sich gab. „Sie ist es, die nicht mehr mit der Zeit gehen will. Sie ist alt geworden und bald wird sie ganz kaputt sein. Ich fürchte, ich muss mir eine neue kaufen.“
Marius atmete auf. „Die ist aber auch megaaltmodisch.“
Und er dachte an die silbern glänzenden Kaffeeautomaten, mit denen man viele Kaffeesorten aufbrühen und gleich auch noch Milch aufschäumen konnte.
„Du musst dir eine neue kaufen. Eine moderne.“
Oma seufzte. „Das kostet mich mein teuer Erspartes“, meinte sie. „Ich glaube, an mir hat auch der Zahn der Zeit genagt, denn ich bin altmodisch und mag diese neuen Dinger nicht leiden.“
Marius musste lachen. „An dir hat dieser blöde Zahn bestimmt noch kein einziges Mal genagt. Du bist doch nicht so alt und kaputt wie diese Kaffeemaschine.
„Stimmt.“ Oma lachte nun auch. „Aber eigentlich bin ich sehr viel älter als dieses Ding. Als ich nämlich in deinem Alter war, hat es Kaffeemaschinen noch nicht gegeben. Mit der Hand aufgebrüht hatte man den Kaffee. Das war ein bisschen mühevoller, doch der Kaffee schmeckte sehr viel besser. Da fällt mir ein…“
Sie brach ab, überlegte und begann, im Küchenschrank zu suchen. Ganz hinten, dort, wo all die Dinge lagen, die sie schon längst hatte wegwerfen wollen. Mit einem komischen weißen Ding, das wie eine Filtertüte aus Porzellan aussah, und einer vergilbt weißen Kaffeekanne tauchte sie wenig später wieder auf.
„Wusste ich es doch! Das Haus verliert nichts. Wenn ich nun noch Großmutters Kaffeemühle finde, koche ich dir den besten Kaffee auf der Welt. Dass ich das aber auch vergessen konnte!“
Marius war enttäuscht. Einen dieser geilen Kaffeeautomaten hätte er viel cooler gefunden. Oma war halt doch alt geworden.
„Jetzt verstehe ich das mit diesem Zahn der Zeit“, murrte er und sah dabei Oma an.
Und wenn ihm da nicht Anna, die junge Mutter seines besten Freundes Paul eingefallen wäre, hätte er das mit dem Zahn, der an Oma nagte, sogar geglaubt. Aber war es nicht diese obercoole, moderne Anna, die sich ihren Kaffee auch mit der Hand kochte, weil er, wie sie sagte, der ‚beste Kaffee auf der Welt‘ sei? Und wenn die das sagte, musste es auch so sein. Cool nämlich und gar nicht altmodisch.

© Elke Bräunling

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

09. Februar 2017 von Elke
Kategorien: Familiengeschichten, Geschichten über Gefühle, Kindergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Bei uns wurde auch früher mit Porzellanfilter Kaffee gebrüht. 😀
    Inzwischen benutzen wir eine einfache Kaffeemaschine.

  2. Bei uns auch … und mittlerweile trinken wir auch immer öfter mal wieder handgebrühten Kaffee. Er schmeckt wirklich viel besser und es macht auch Spaß, den Kaffee per Hand zu kochen. Ein sinnlich meditatives Gefühl. 😉

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