Der kleine Igel und der Garten

Als die Katze den hungrigen, kleinen Igel davon überzeugte, seine Nahrung in einem Garten der Menschen zu suchen

Der Sommer war heiß und trocken. Immer mühseliger wurde es für den kleinen Igel, Nahrung zu finden. Oft blieb sein hungriger Magen leer. Weil sich ein knurrender Magen aber nicht gut anfühlte, suchte der kleine Igel immer länger und immer mehr nach Futter. Eines Nachts verirrte er sich vor lauter Suchen so sehr, dass er zur Morgendämmerung weit ab bei den Menschengärten landete. Dort verbrachte er den Tag im Holzstapel, der vor einem Menschengartenzaun errichtet war. Hier war es genau so ruhig wie im Wald und er konnte sich ausruhen. Und so war er voller Abenteuerlust, als die Abenddämmerung den Tag beendete. Hungrig war er auch. Sehr sogar.
„Wohin soll ich nun gehen?“, überlegte er. „Zurück in den Wald? Oder soll ich mir einen dieser Menschengärten genauer ansehen. Wer weiß, vielleicht findet sich dort die eine oder andere Schnecke?“
Die Idee, einen Menschengarten zu besuchen, lockte sehr. Aber da war auch die Furcht vor den Menschen. „Sie sind anders als wir Igel. Du musst dich vor ihnen schützen“, hatte die Igelmama gewarnt.
„Aber nur ganz kurz einmal schauen, das geht schon, oder?“, fragte der kleine Igel, obwohl da niemand war, der ihm eine Antwort geben konnte. Oder doch?
„Dumm bleibt, wer sich nichts zutraut“, antwortete da eine Stimme. „Oft ist es auch dumm, auf die Angst zu hören.“
Es war die Katze, die auf dem Holzstapel lag und die Abendwelt beobachtete.
„Und dreimal dumm ist, wenn man lieber Hunger hat und auf die vielen Schnecken, die meinen Menschen hier im Garten das Leben schwer machen, verzichten will“, fuhr die Katze fort.
„Schnecken? Im Garten? Die sitzen doch in ihren Verstecken und warten auf kühles Regenwetter!“, murmelte der Igel.
Die Katze lachte auf. „Im Wald und auf der Wiese vielleicht. Nicht aber im Garten. Meine Menschen sorgen dafür, dass der Boden feucht bleibt. Schließlich wollen sie nicht auf Gemüse und Kräuter und feine Salate verzichten.“ Sie seufzte. „Genau wie die Schnecken.“
„Die Schnecken? Machen die die Menschengärten feucht?“
Da lachte die Katze. „Mitnichten. Das ist der Job der Menschengärtner. Jeden Morgen und jeden Abend kommen sie mit vielen Kannen voller Wasser.“
„Das kann man tun?“ Der kleine Igel wunderte sich. Den Wald hatte noch nie jemand mit Wasser versorgt. Wasser kam dort nur aus Wolken oder vom Bach.
„Wenn man Hunger auf Gemüse und Salat hat, muss man dies tun“, erklärte die Katze. „Nur nützt es wenig.“
„Wasser nützt immer“, sagte der kleine Igel.
„Besonders für die Schnecken“, antwortete die Katze. „Die kriechen nämlich am Abend aus ihren Löchern und fressen sich über Nacht am Salat und am Gemüsen, am Obst und an den Kräutern satt. Ach, es ist ein Jammer! Was sind meine Gartenmenschen oft wütend deswegen. Und traurig.“ Die Katze seufzte tief.
„Igel fressen Schnecken“, flüsterte der kleine Igel da und das Wasser lief ihm im Munde zusammen. „Schnecken sind nämlich eine Igel-Leibspeise.“
„Das ist mir bekannt. Das Problem ist nur, dass Igel sich vor Menschen fürchten und es nicht wagen, ihnen in den Gärten zu helfen.“
„Helfen? Du meinst, wir kleine Igel können den großen Menschen helfen?“
Der kleine Igel sprang auf. „Wenn das so ist, werde ich meine Furcht nun vergessen. Gerne helfe ich. Sehr gerne. Und gerne helfe ich auch mir und meinem Hungerbauch.“
Und ehe die Katze darauf antworten konnte, war der kleine Igel schon aufgesprungen und durch den Zaun in den Garten geschlüpft.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

13. Juni 2017 von Elke
Kategorien: Auf dem Land, Sommergeschichten, Tiergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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