Das kleine Gespenst und das Gewitter

Ein Gespenst, das sich vor Gewitter und Nebel fürchtet?

Ein grausiges Gewitter hat über dem Berg gewütet. Nun aber ist es weitergezogen und der Wald ist in eine dichte Nebelwolke gehüllt. Das ängstliche kleine Gespenst von Burg Donnerstein atmete auf. Es konnte Gewitter nämlich nicht leiden.
„Wie gut, dass der Teufelsspuk vorbei ist“, murmelte es und spähte ins Tal hinab. Nebeltrüb war es dort.
Heute, dachte es, ist dort unten bestimmt nichts los. Bei diesem scheußlichen Nebel bleiben die Menschen, vor denen mir so sehr graut, zu Hause. Auch den Hexen und Geistern, die mich immer als Angsthasengespenst verspotten, werde ich nicht begegnen. Die warten bestimmt in ihren Geisterhäusern auf besseres Wetter.
So dachte das kleine Gespenst und schwebte talwärts. Es fühlte sich sehr mutig. Wer wagte es auch schon, sich an einem so finsteren Tag draußen herumzutreiben?
„Nur einer“, rief es und kicherte. „Ich nämlich. Das kleine, ängstliche – pardon – mutige Gespenst von Burg Donnerstein! Hihi! Alle werden staunen, wenn sie von meinem Ausflug erfahren. Nie wieder werden sie lachen und ‚Angsthäschen‘ zu mir sagen.“
Es näherte sich dem Dorf. Nur schemenhaft konnte es die Häuser erkennen. Bestimmt, malte es sich aus, werden die Leute grausig erschrecken, wenn ich an ihren Fensterläden rüttele und heule und stöhne. Was für ein Spaß würde das sein! Huiii! Huhaaa!
„Huhii! Huhaaa!“, brüllte das kleine Gespenst probehalber, und weil keiner antwortete, übte es sein „Huhii! Huhaaa!“ gleich noch ein paar Mal so laut es konnte.
Auf einmal hörte es vor einem Haus eine Männerstimme fragen:
„Bist du ein Angsthase und fürchtest du dich vor dem Nebel da draußen?“
Das kleine Gespenst erschrak. Sprach der unsichtbare Mann etwa mit ihm? Seine Knochen fingen heftig an zu klappern.
„Schnell, ich muss hier weg“, heulte es. „Huhaa!“
Aber bevor es sich aus dem Staub machen konnte, öffnete sich eine Tür und ein kleines Mädchen trat aus dem Haus.
„Ich bin doch kein Angsthase!“, sagte es zu dem Mann. „Vor Nebel fürchte ich mich nicht. Hörst du? Auch nicht vor Gewitter. Und vor Geistern schon dreimal nicht.“
„G-G-Geister?“, stammelte das kleine Gespenst. „W-w-wo sind Geister?“
In dem Moment donnerte es laut. Das Gewitter. Es kehrte zurück.
Vor Grauen wurde das kleine Gespenst blass und blasser und seine Beinknochen fühlten sich an wie Pudding.
„Hi-hi-hilfe, das Gewitter!“, schrie es. „Nichts wie weg hier!“
Und während das kleine Mädchen mutig und mit erhobenem Kopf trotz Wolkennebel und Gewitterdonner die Straße entlang ging, sauste das kleine Gespenst wie von hundert und mehr Geistern gejagt heimwärts durch den Wald hinauf in sein sicheres Plätzchen auf Burg Donnerstein. Vom Spuken hatte es die Nase für heute erst einmal voll.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

20. Juli 2017 von Elke
Kategorien: Geschichten für Kinder, Kindergeschichten, Mutgeschichten, Sommergeschichten, Spaßgeschichten, Wettergeschichten | Schlagwörter: , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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