Ein Gespräch im Kürbisbeet

Bald ist Erntezeit. Die Kürbisse im Gartenbeet warten schon.

„Suppe“, sagte der große, dicke Kürbis im Garten. „Sie machen aus uns Suppe.“
Die anderen Kürbisse im Beet sahen ihn verdutzt an. Suppe? Was war das nur wieder? Sicher eine dieser seltsamen Erfindungen der Menschen.
„Woher weißt du das?“, fragte einer.
„Ich habe es gehört. Gestern hat es die Frau des Gärtners gesagt“, antwortete der große, dicke Kürbis. Er klang besorgt und er war es auch. Der Gedanke, in einer Suppe zu enden, missfiel ihm.
„Was ist ‚Suppe‘?“, fragte einer seiner Kollegen. „Ist das etwas Nettes? Etwas Feines?“
„Hoho! Fein? Ja, so heißt es zuweilen.“ Der große, dicke Kürbis lachte auf. „Aber was glaubt ihr? Denkt ihr, die Menschen haben mit uns etwas Gutes im Sinn?“
„Sie mögen uns“, sagte einer der Kürbisse. „Seht nur, wie sanft sie uns behandeln und wie sorgsam sie uns pflegen.“
„Manchmal streichelt die große Menschenfrau über meinen Leib“, erzählte ein anderer. „Gut fühlt sich das an. Sehr gut sogar.“
„Ich mag es sehr, dieses Streicheln“, rief wieder ein anderer, und ein Dritter sprach von dem kleinen Mädchen, das nachmittags oft zu Besuch kam und ihm von langen Abenden mit viel Licht, Spaß und lachenden Gesichtern erzählte.
„Es liebt mich“, schloss er seinen Bericht. „Ich glaube, es wartet voller Sehnsucht darauf, dass ich groß und erwachsen bin und unser Kürbisbeet verlassen darf.“
„Und was, glaubst du, wird es dann mit dir machen?“, fragte einer der Kürbisse. Er war ein wenig neidisch, sah sein Leib doch weniger rund und glänzend aus.
„Es wird mich zu sich nehmen und lieben und es wird mich immer streicheln, streicheln, streicheln.“
„Hahaha!“ Da mussten alle Kürbisse herzlich lachen. „Hahaha!“
Laut ging es nun zu im Kürbisbeet. Fröhlich fast. Auch Mimi, die alte Katze, die sich im Schatten des Kürbislaubs zu einem Schläfchen zusammengerollt hatte, schmunzelte.
„Du Träumer!“, sagte sie zu dem Kürbis, der so gerne gestreichelt werden mochte. „Ich habe deine Kollegen vom Vorjahr gesehen. Gut erinnere ich mich an sie. In Hohlköpfe haben die Menschen sie verwandelt. Fröhliche und grimmig dreinblickende Gesichter haben sie in ihr Fleisch geschnitzt und mit Lichtern beleuchtet. Überall standen diese Dinger im Herbst herum: in Gärten, auf Straßen und auf Fensterbrettern und am Boden vor den Türen. Hohoho! Gestreichelt oder gar geliebt hat die keiner. Es hat sich auch niemand mit ihnen unterhalten.“
„Hohlköpfe mit Gesichtern?“ Die Kürbisse waren entsetzt. „Warum?“
„Das ist ein Brauch für dunkle Herbstabende“, antwortete die Katze. „Mehr kann ich euch dazu auch nicht sagen.“
Es genügte. Das, was Katze Mimi erzählte, klang nicht erfreulich und es machte die Kürbisse sehr traurig.
„Was für ein Ende!“, riefen sie, und einer fragte:
„Ist das der Sinn unseres Lebens?“
„Ihr lebt“, antwortete die Katze. „Das allein macht Sinn. Alles, was lebt, macht Sinn.“
„Auch wenn wir bald als Hohlköpfe enden?“, fragte einer der Kürbisse.
„Falsch!“ Der große, dicke Kürbis lachte wieder. „Wir werden zu Suppe. Nur wenige von uns haben die Ehre, von diesem Schicksal verschont zu bleiben. Und um ehrlich zu sein: Ich würde es da doch bevorzugen, auf das Ende in einer Suppe zu verzichten, und als Hohlkopf die Welt ein wenig länger erleben zu dürfen.“
Darauf sagte keiner mehr etwas. Man musste erst einmal gründlich nachdenken. Außerdem war ja noch etwas Zeit bis zur Ernte. Zeit zu leben.

© Elke Bräunling

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

22. September 2017 von Elke
Kategorien: Auf dem Land, Geschichen für Demenzkranke, Geschichten für Kinder, Geschichten für Senioren, Herbstgeschichten, Kindergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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