Die kleine Waldmaus, der Igel und das süße Fest

Süße Früchte naschen, ist das nicht ein großartiges Fest?

Heute besuchten die kleine Waldmaus und der kleine Igel die Gärten der Menschen. Der Weg zur Menschenwiese und weiter zu den Gärten war so weit, dass die beiden Freunde nur selten dorthin wanderten. Heute aber, so hatte es die kleine Waldmaus erfahren, sollte dort so etwas wie ein Fest stattfinden. Das klang gut und aufregend. Welches Fest dort gefeiert wurde, wusste sie aber nicht. Eigentlich hatte die kleine Maus noch nie erfahren, was ein Fest war. Etwas zum Freuen etwa? Oder, noch besser, etwas zum Essen?
Ob der kleine Igel darüber Bescheid wusste, konnte die kleine Maus nicht sagen. Er tat zumindest so, weil er ein kluger kleiner Igel sein wollte. „Wir sollten uns dieses Fest anschauen“, hatte er gesagt. Ja, und das taten sie nun auch.
Die Freunde schnauften ganz schön, als sie den großen Holzzaun, der die Gärten von der Wiese abgrenzte, erreicht hatten. Auf einem Stein vor dem Zaun machten sie Halt.
„Lass uns erst einmal hier ausruhen“, schlug der kleine Igel vor.
„Einverstanden.“ Die kleine Maus nickte. Ein müdes Auge konnte nicht gut sehen und eine müde Maus konnte nicht auf Sicherheit achten. Und die, so hatte Opa Maus ihr immer wieder eingeschärft, war für das Leben genauso wichtig wie Nahrung für den Bauch und Luft zum Atmen.
„Das ist wirklich ein guter Platz“, sagte der kleine Igel. „Und wie fein es hier duftet! Köstlich. Lecker. Fein. Hm?“
Die kleine Maus schnupperte und nickte. „Es riecht süß hier. Beerensüß.“
„Nein“, sagte der kleine Igel. „Erdig würzig. Hmhm. Riechst du es nicht?“
„Ich rieche süße, reife Früchte.“ Die kleine Maus schnupperte wieder und das, was ihre Nase sah, roch wirklich so lecker, dass ihr Magen knurrte. „Und ich rieche Hunger. Nein, falsch, ich habe Hunger.“
„Hunger? Oho. Hunger ist mein zweiter Name“, rief der Igel, der diesen Spruch mit dem ‚zweiten Namen‘ igelmäßig gut fand, seit er ihn irgendwo einmal gehört hatte. „Man sollte doch gleich einmal nachsehen, wo wir die Nahrung, die so wunderlockend duftet, finden.“
„Dort drüben, glaube ich!“ Die kleine Maus sprang auf und eilte dem Duft entgegen. Schnell schlüpfte sie unter dem Zaun in den Garten und da sah sie es, das wunderfeine Wunder. Zwetschgen lagen im Gras. Viele tiefblau glänzende Zwetschgen, die der Morgenwind vom Zwetschgenbaum gerüttelt hatte. Was für eine Überraschung!
Und weil man vom Ansehen und Schnuppern allein nicht satt werden konnte, machte sie sich gleich über die Früchte her und tat für eine Weile nichts anderes als essen, essen, essen.
Damit aber war sie nicht alleine. Die Käfer und Maden, Larven, Schnecken, die Tausendfüßler, Ameisen und Spinnen hatten das süße Mahl ebenfalls entdeckt. Überall hockten sie mitten in den Zwetschgenfrüchten und aßen sich satt.
Und der kleine Igel? Um ehrlich zu sein, machte der sich nichts aus Obst. Eigentlich aß er davon nur, wenn sich nichts, aber auch wirklich gar nichts anderes zum Futtern finden ließ. Aber die Käfer und Maden und Larven, Schnecken, Tausendfüßler, Ameisen und Spinnen, die in den Zwetschgen saßen und sich daran gütlich taten, die standen auf Igelspeisekarten ganz oben als Leibspeise … und so wurde jeder satt an diesem Festtag.
Jetzt wusste die kleine Waldmaus auch, was ein Fest war. Beides nämlich: etwas zum Freuen und etwas zum Essen. Konnte es etwas Schöneres geben?

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

24. September 2017 von Elke
Kategorien: Auf dem Land, Geschichten für Kinder, Herbstgeschichten, Kindergeschichten, Tiergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 1 Kommentar

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