So ist das mit den alten Schätzen

Von Sammlern, Dachbodenschätzen und Sperrmüll

Mit einem leckeren Essen hatte Großtante Luise Pia, Pit und Opa zu sich in ihr altes Bauernhäuschen im Walddorf gelockt. Morgen war nämlich Sperrmüll und der Dachboden sollte ein bisschen aufgeräumt und entrümpelt werden. Seit Jahren hatte sich die Großtante diesen anstrengenden Job vorgenommen, doch irgendwie siegte immer wieder die Faulheit. Doch es war nicht nur das. Sie hasste es, sich von Dingen, die einmal eine Bedeutung für sie oder ein Familienmitglied gehabt hatten, zu trennen. So viele Erinnerungen steckten darin. Außerdem, wusste man denn, ob man den Gegenstand nicht doch noch brauchen konnte? Wie sehr hatte sie sich zum Beispiel über die Kleider ihrer Mutter gefreut. Alle hatten gelacht, weil sie sie über die Jahrzehnte aufbewahrte. Dann aber hatten sie alle gestaunt, als genau diese ‚ollen‘ Klamotten plötzlich wieder modern waren und ohne viele Änderungen getragen werden konnten. Dumm war nur, dass sie der Großtante nun nicht mehr passten. So hatte sie sie doch noch weggeben müssen. Aber nicht zum Müll. Oh nein. Abnehmer hatte es dafür nämlich auf einmal viele gegeben.
Ja, so war das mit Großtante Luise und den alten Schätzen. Es war aber auch wirklich nicht einfach, Dinge zu sortieren und aufzuräumen, die seit vielen Jahren, manche sogar seit einem halben Jahrhundert und mehr, auf dem Dachboden darauf warteten, eine neue Verwendung zu finden … oder eben im Sperrmüll zu landen.
„Wir nehmen heute keine Rücksicht auf sentimentale Gedanken“, sagte die Großtante nun, als sie vor ihnen die steile Stiege hinauf kletterte. „Dieses etwige Aufbewahren führt zu nichts. Es stresst nur. Was man nicht mehr brauchen oder verwenden oder verschenken kann, kommt zum Müll und basta. Merkt euch das! Streng müsst ihr mit euch sein. Ganz streng.“
„Merke auch du es dir!“, antwortete Opa und lachte dabei. Auch Pia und Pit mussten grinsen, wusste doch jeder, dass die Großtante nichts, aber wirklich auch gar nichts, was nicht völlig kaputt oder vergammelt war, wegwerfen konnte. Alle in der Familie amüsierten sich darüber und daher klang der Aufräumplan der Großtante nicht wie ein Plan, sondern eher wie ein Scherz.
„Gut“, sagte Pit. Er griff nach zwei alten Hüten, einem Paar Stiefel, einem Stapel alter Jagdzeitschriften und einer bunten Gebäckdose, die auf einer Kiste in der Ecke lagen, und steckte sie in eine Mülltüte. „Dann sammle ich gleich alles, was hier so herumsteht, ein und …“
„Und ich fülle die Sachen, die in den Schubladen der Kommode liegen, in Tüten“, rief Pia. „Die sind ja auch schon so alt und keiner braucht davon …“
„Ich nehme mir den alten Küchenschrank vor“, dröhnte Opa. „Es ist eine gute Idee, hier endlich einmal für Ordnung zu sorgen, Luise. Das alte Geschirr braucht ja nun wirklich keiner und ich …“
Sie schafften es alle drei nicht, ihre Sätze zu Ende zu sprechen.
„Halt! So geht das nicht!“ Laut hallten die Rufe der Großtante über den Dachboden. „Nein, wirklich. So … geht … das … nicht.“ Sie holte Luft, atmete tief durch. „Ich glaube, wir sollten erst einmal ein Stück Apfelkuchen mit Vanillesoße essen und einen heißen Kakao trinken. Dabei können wir einen Plan machen, wie wir das mit dem Dachboden, dem alten Küchenschrank, der Kommode den Hüten, Stiefeln, Zeitschriften, Dosen und dem Sperrmüll am besten machen können und wie das mit den alten Erinnerungen und Kostbarkeiten und der …“
Sie redete schnell und sie redete viel. Sie redete auch noch, als sie längst bei Kakao und Kuchen in der Küche saßen und aßen und tranken. Und wenn Opa sie nicht irgendwann unterbrochen hätte mit dem Vorschlag, doch besser bis zum nächsten Sperrmüll im Sommer zu warten, würde sie immer noch reden.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

07. Oktober 2017 von Elke
Kategorien: Erinnerungen, Familiengeschichten, Geschichen für Demenzkranke, Geschichten für Kinder, Geschichten für Senioren, Kindergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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