Das letzte Blatt im Kastanienbaum

Wie das Blatt doch noch einen Freund fand und nicht mehr alleine überwintern musste

Ganz oben in der alten Kastanie hing noch ein letztes Blatt. Es war stark und konnte dem Wind trotzen, während all seine Kameraden bereits am Boden lagen.
„Komm doch zu uns!“, riefen die. „Hier ist es lustig. Endlich sind wir frei!“
Das Blatt aber fürchtete sich. Es war bestimmt gefährlich, einfach loszulassen und zu Boden zu fallen. Man konnte sich dabei verletzen.
„Lustig?“, fragte es daher. „Was ist lustig? Und was bedeutet ‚frei‘?“
„Lustig ist es, im Wind zu tanzen!“, riefen die Blätterfreunde. „Und frei sein, das heißt, dass man fliegen kann, wohin man will. Komm! Probier es aus!“
„Ich will aber nicht tanzen, schon gar nicht im Wind. Zu oft hat er mich in diesem Sommer geärgert. Und nun soll ich ihm hinterher tanzen? Ich bin doch nicht blöd! Und fliegen, wohin ich will, möchte ich auch nicht. Wohin soll ich auch fliegen? Ich will hierbleiben, ja, das ist es, was ich will.“
“Dann mach doch was du willst!“, riefen die Blätter und stoben mit dem Wind davon. Fremde Blätter kamen vorbei, doch auch ihnen mochte sich das Blatt nicht anschließen, ihnen schon gar nicht.
So blieb es allein und wurde immer trauriger. Auch seine Kraft ließ von Tag zu Tag mehr nach.
Eines windstillen Nebeltages setzte sich ein großer, schwarzer Vogel neben das Blatt. Seine Stimme war laut und heiser. Man konnte sagen, er krächzte.
„Ich ahne, dass du dich unwohl fühlst alleine hier im Baum. Wenn meine Kameraden alle unterwegs sind, fühle ich mich auch unwohl. Sehr sogar.“
„Oh, dann sind wir zwei wohl übrig geblieben hier!“ Das Blatt hatte Mitleid mit dem Vogel. „Wir sollten zusammen bleiben. Sag, könntest du mich nicht ein Stückchen mitnehmen? Ich mag nicht mehr alleine sein.“
„Gute Idee“, sagte der Vogel, der ein Rabe war. „Es ist nur so, dass meine Freunde bald zurückkehren werden. Nie hätte ich sie ohne mich ziehen lassen, wenn sie für immer gegangen wären. So mutig wie du bin ich nämlich nicht.“
„Mutig?“, fragte das Blatt, das sich gar nicht mutig fühlte. „Ich bin mutig?“
„Ja, das bist du. Mach’s gut, du Blatt. Es war nett mit dir zu plauschen!“,
Mit einem Abschiedskrächen flog der Rabe davon. Lange sah ihm das Blatt hinterher Es war sehr traurig. Und einsam. Und es fror.
„Na du?“, sagte eine feine Stimme. Ein Eichhörnchen war es, das plötzlich auf dem Ast neben dem Blatt saß. „Ein paar deiner Freunde habe ich mit in mein Nest genommen, dort ist es gemütlich und warm. Möchtest du auch mitkommen?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, zupfte es das Blatt vom Ast und brachte es in sein Kugelnest zu den anderen Blättern. Schön war es hier. Und warm.
„Man darf niemals die Hoffnung aufgeben!“, dachte das Blatt und machte es sich gemütlich.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

die letzten blätter

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

22. Oktober 2017 von Elke
Kategorien: Baumgeschichten, Geschichten für Demenzkranke, Geschichten für Kinder, Geschichten für Senioren, Herbstgeschichten, Tiergeschichten, Waldgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. So eine schöne Geschichte – und so wahr! 🍂

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