Ist Schnee heute recht?

Schnee mag nicht jeder und am liebsten nur in den Ferien

In einer Zeit im Winter, in der die Kinder auf Schnee warteten, lagen manchmal am Morgen klitzekleine, silberweiß schimmernde Sternchen in Gärten und Parks, auf Wegrändern, Wiesen und Feldern, in Weinbergen und Wäldern. Nur auf den Straßen fand man sie nicht und auch nicht auf Autos, Dächern, Gehwegen und Plätzen. Die mochten die Schneesternchen nämlich nicht leiden. Vor den Fenstern der Kinderzimmer aber konnte man sie oft entdecken und von dort strahlten sie besonders hell und freundlich.
„Es hat heute Nacht geschneit“, sagten die Kinder dann beim Frühstück und ihre Augen leuchteten.
„Ihr träumt!“, antworteten ihre Eltern und sie warfen einen erschrockenen Blick nach draußen. „Es liegt kein Schnee und das ist ein Glück.“ Und sie dachten an glatte Straßen und Autostaus, an Nässe, Schmutz und nicht gekehrte Bürgersteige. Ach, Schnee war lästig. Nur zu den Feiertagen oder in den Ferien konnte man mit der weißen Pracht etwas anfangen, da wünschte man sie sich sogar herbei. Sonst nicht.
Das aber wollten die Kinder nicht verstehen und auch der Schneekönig begriff die Wünsche der Menschen nicht immer. Schnee konnte er dieser verwöhnten Welt doch nicht nur passend zu Festen und Urlaubstagen liefern! Nein, so funktionierte dies nicht. Der Schneekönig war verwirrt und auch gekränkt. Wie konnte er es bloß allen recht machen? Tag für Tag und Winter für Winter fragte er sich dies und nur selten wagte er es noch, sich in der Welt der Menschen blicken zu lassen. Es war das Beste so. Für die Menschen ebenso wie für ihn und seine Wintergeister.
Die aber waren traurig. Genau so traurig wie die Kinder, die den Schnee liebten. Ganz deutlich hörte der Schneekönig ihre Bitten vor dem Zubettgehen.
„Mach, dass heute Nacht der Schnee kommt“, beteten sie jeden Abend aufs Neue. „Das ist unser allergrößter Winterwunsch.“
Diese Bitte nahmen sie mit in ihre Träume und die Traumfee malte für sie in jenen Nächten schneeweiße Bilder, die den Schneewinter feierten mit Schneeflocken, Eiszapfen und Schneebergen, mit Schlittenfahrten, Schneemännern, Skifahrten und Schneewanderungen. Es waren wunderfeine Träume, die ins Wolkenschloss des Schneekönigs führten zu den Wintergeistern, den fröhlichen Schneeprinzen und –prinzessinnen mit den Eisgeistern und Schneeflockensternchen und zu Frau Holle natürlich, die gleich kräftig ihre Schneekissen über dem Land ausschüttelte.
Wunderfeine Winterträume waren dies, und die sorgten dafür, dass die Kinder nie aufhörten, sich einen weißen Winter zu wünschen.
Wenn der Schneekönig die Kinder in ihren winterweißen Träumen besuchte, konnte er die Tränen nicht immer zurückhalten. Dann weinte er glitzernde Schneesternchen, die sich auf die Fensterbretter der Kinderzimmer legten und den Kindern am Morgen wie kleine Schmucksteine zublinkten.
Manchmal aber fand der Schneekönig keine Schneetränen mehr, und dann, ja dann konnte er sehr wütend werden.
„Ich soll es allen recht machen?“, rief er voller Ärger. „Wer wünscht sich dies? Ich etwa? Oh nein! Niemals! Los, ihr Wintergeister! An die Arbeit! Schneezeit ist’s!“
Und dann, endlich, schneite es im Land, egal, ob dies den Erwachsenen nun gerade in den Kram passte oder nicht.
Wie jubelten da die Kinder! Auch die Wintergeister freuten sich und insgeheim wünschten sie sich, dass diese Wut den Schneekönig öfter besuchte. Und die Kinder, die wünschen sich das auch.

© Elke Bräunling

 

Endlich schneit es!, Bildquelle © Skeeze/pixabay

Schneetage – Meditationsmusik –  © Elke Bräunling & Paul G. Walter

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