Der kleine Bär und der Blumenstrauß

Einmal hatte der kleine Bär ein eigenartiges Erlebnis im Wald. Als er Blumen pflückte

„Der Mai ist der Blumenmonat“, hatte der kleine Bär gehört. Deshalb machte er sich auf Blumensuche. Für Mama Bär wollte er einen großen bunten Blumenstrauß pflücken mit den schönsten Blumen, die er nur finden konnte.
Und es stimmte. Überall im Wald, auf der Wiese, auf den Feldern und vor allem auch in den benachbarten Menschengärten blühte es kunterbunt in den prächtigsten Farben: rot, gelb, weiß, blau, lila, rosa, pink, orange, gräsergrün und bunt, bunt, bunt. Blumen, nichts als Blumen. Eine schöner als die andere. Und wie sie dufteten! Süß und lockend. Und weil die Blumen dem kleinen Bären alle so lieb zulachten, konnte er sich nicht entscheiden, welche er für seinen Strauß wählen sollte. Die Margeriten und Glockenblumen vielleicht? Oder der wilde Flieder? Die ersten Rosen oder die Holunderdolden? Es fiel dem kleinen Bären sehr schwer, sich zu entscheiden.
„Nehme ich von jeder Blüte eine“, beschloss er.
Er beugte sich über einen blauen Wiesensalbei und wollte ihn gerade pflücken. Plötzlich glaubte er eine Stimme „Halt! Tu es nicht! Lass mich noch ein Weilchen leben!“ rufen. Sie klang bittend und flehentlich, die Stimme.
Der kleine Bär schaute erschrocken auf den Wiesensalbei.
„Gut! Gut!“, murmelte er. „Dann nehme ich eben eine Margerite.“
Wieder streckte er die Pfote aus – und wieder hörte er ein Stimmchen, das wie von weit weg „Ich möchte noch ein Weilchen die Sonnenstrahlen spüren“ rief.
„Darf ich dich pflücken, Grashalm? Deine Blüten haben hübsche weiße Tupfer“, versuchte es der kleine Bär zum dritten Mal.
„Später“, bat der Grashalm. „In drei, vier oder fünf Tagen. Aber lass mich jetzt bitte noch ein wenig den Wind spüren.“
Hm. Der kleine Bär sah sich um auf der Wiese und es begriff, wie sehr die Blumen und Grashalme ihr Leben hier liebten.
„Ich glaube“, überlegte er laut. „Ich werde keinen Blumenstrauß pflücken. Das macht euch traurig und mich auch. Aber was soll ich nun Mama Bär schenken?“
„Uns! Uns! Uns!“, hallte es da von allen Seiten, von der Wiese und vom Feld, vom Waldrand und von den Menschengärten her.
Suchend sah sich der kleine Bär um. „Wer seid ihr? Ich sehe euch nicht!“
„Hier sind wir und Löwenzahn-Pusteblumen sind wir! Pflücke uns und puste unsere Samenfallschirme überall hin rund um deine Bärenhöhle und in den Wald, auf Wiesen, Felder und auch in die Menschengärten. Im nächsten Jahr werden wir dir mit vielen kleinen gelben Blütensonnen ein Dankeschön zuwinken.“
Pusteblumen und Samenfallschirme und Blütensonnen? Ja, die Idee gefiel dem kleinen Bären gut. Sehr gut sogar. So gut, dass er in den nächsten Tagen viel zu tun hatte mit Pusteblumen sammeln und in die Welt zu pusten.
„Ich freue mich schon auf nächstes Jahr“, rief der kleine Bär. Er lachte. Und wenn er nun lauschte, konnte er sie mitlachen hören, die Blumen und Gräser im Wald und auf den Wiesen rund um die Bärenhöhle.

© Elke Bräunling

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

23. Juni 2014 von Elke
Kategorien: Frühlingsgeschichten, Naturgeschichten, Sommergeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , | 12 Kommentare

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