Archiv für Waldgeschichte

Opa Baumann und die Stimme im Herbstwald

Als Opa Baumann einen schläfrigen Igel traf

„Ihr glaubt nicht, wer mit heute im Wald begegnet ist“, sagte Opa Baumann, der Märchenopa der Straße, als er die Kinder aus der Nachbarschaft traf. Die starrten mit missmutigen Gesichtern auf ihren Ball und stritten sich.
„Heute scheint mir ein Tag zum Murren und Streiten zu sein“, meinte Opa Baumann. „Alle, die ich treffe, sind schlecht gelaunt.“
„Du auch, Opa Baumann?“, fragte eines der Kinder.
Der alte Mann lachte. „Oh ja. Ich war es heute Morgen. Deshalb bin ich für ein paar Stunden in den Wald gegangen. Ich gehe immer in den Wald, wenn ich schlechte Laune habe.“ Er lächelte. „Und wisst ihr was? Ich habe sie dort sehr schnell verloren. Ja, und etwas gefunden habe ich auch. Eine neue Geschichte. Wie immer selbst erlebt.“
Opa Baumann machte eine Pause, dann begann er zu erzählen:
„Brummig und knurrig war ich heute gewesen. An diese kalten Spätherbsttage muss man sich erst gewöhnen. Auch im Wald war es nebelig und trübe. Man konnte meinen, auch der Wald sei brummig und knurrig und übellaunig. Ich traf auch keine Waldtiere. Einige von ihnen waren längst in den Süden geflüchtet, andere hatten sich zum Winterschlaf verkrochen oder sie streiften auf Futtersuche durch den Wald. Ich sage euch: Die Zeit kurz vor dem Winter ist eine langweilige Zeit. Und dunkel. Und überhaupt…
Oh ja, ich war wirklich schlecht gelaunt, als ich durch diesen tristen Vorwinterwald stapfte. Auf einmal ärgerte ich mich so sehr über mich selbst, dass ich mit Anlauf in einen hohen Laubhaufen hüpfte, den jemand neben der alten Kapelle zusammengekehrt hatte. Wild trampelte ich auf das Laub ein und kickte es in alle Richtungen.
Huiii! Hoch wirbelten die bunten Blätter durch die Luft. Fast konnte man meinen, sie tanzten einen Wirbelwind-Rock’n Roll. Da musste ich lachen. Es machte Spaß, den Blättern beim Wirbeln zuzusehen. Meine schlechte Laune hatte ich nun schnell vergessen.
„Huiii!“, rief ich laut und mir war, als sirrten die Blätter ein leises Hui-i-i-iiiii zurück. „Huiii! Hui-i-i-iiiii!“
Ich sprang und hüpfte und war wieder der kleine freche Lausbub, der ich früher einmal gewesen war. Wundervoll fühlte sich das an!
„Was ist denn hier los?“, polterte da plötzlich eine Stimme. Sie kam aus dem Laubhaufen und klang sehr verärgert. „Wer stört hier meine Winterruhe? Ein Unwetter? Ein Erdbeben? Oder, noch schlimmer, ein Mensch, der mich ärgern möchte? Ruhe!, sage ich. Ich will meinen wohl verdienten Schlaf haben.“
Wer hatte da gerufen? Erschrocken starrte ich auf den Laubberg, der nun längst nicht mehr so hoch war wie zuvor.
„Ich bin es nur“, sagte ich ein bisschen kleinlaut. „Ich, der liebe, nette, kleine Opa Baumann.“
„Und ich bin der schläfrige große Igel“, knurrte die Stimme aus dem Laub. „Bekanntlich halten wir Igel in Herbstlaubhöhlen unseren Winterschlaf. Du hast mich geweckt, kleiner Opa Baumann!“
„D-d-das t-t-tut mir leid“, stammelte ich.
„Mir auch“, brummelte der Igel, doch seine Stimme klang schon versöhnlicher, fast so, als schmunzelte er dort unten in seiner Blätterhöhle.
„Ich bin gleich weg und störe nicht weiter deinen Schlaf“, versprach ich dem unsichtbaren Igel.
„Ich auch. Ich bin auch gleich weg. Im Winterland nämlich“, antwortete der Igel. „Dort treffe ich im Traum meine Kollegen.“
Winterland? Das klang spannend. Was er dort wohl erleben würde, der schläfrige Igel? Das wollte ich genauer wissen.
„Im nächsten Frühling treffen wir uns wieder und du erzählst mir von deinen Erlebnissen im Winterland. Ich werde hier auf dich warten. Einverstanden?“, rief ich dem Igel zu.
Der aber antwortete nicht mehr. Wahrscheinlich schlummerte er bereits wieder und erlebte im Traum seine kleinen, spannenden Abenteuer.
Schnell sammelte ich Arme voller Laub und häufelte sie zu einem besonders großen Laubberg über des Igels Schlafquartier. Dann ging ich nach Hause. Unterwegs aber dachte ich lange über jenes Winterland nach. Wie es wohl dort aussehen mag?“
Opa Baumann sah die Kinder an. „Was meint ihr? Kennt ihr dieses sagenhafte Winterland vielleicht schon?“
Die Kinder schüttelten die Köpfe.
„Noch nicht“, rief eines, doch du wirst uns bestimmt noch viel davon erzählen. Weil du nun nämlich darüber nachdenkst. Stimmt’s?“
Opa Baumann lacht. „Aber nur, wenn ich gute Laune habe. Und ihr auch.“ Und ein wenig leiser fügte er hinzu. „Und wenn mir der Wald noch viele neue Geschichten zuflüstert.“

© Elke Bräunling

Oktobersonne

15. Oktober 2018 von Elke
Kategorien: Baumgeschichten, Herbstgeschichten, Kindergeschichten, Naturgeschichten, Tiergeschichten, Wintergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Die kleine Waldmaus und das Stacheltier

Die kleine Waldmaus ist alleine im Wald unterwegs und trifft einen seltsames Stacheltier, das wie ein Igel aussieht. Und dann kommt auch noch ein echter Igel, ein neuer Freund für die kleine Waldmaus

Eine anstrengende Zeit war die Herbstzeit. Vorräte mussten gesammelt und gut aufbewahrt werden. Sobald es dämmerte, war die Familie Waldmaus in Wald und Feld unterwegs. Hunger im Winter nämlich war eine gemeine Sache.
„Strengt euch an!“, sagte Opa Maus. „Ein satter Bauch erleichtert uns die Kälte. Sammelt alle Vorräte, die ihr finden könnt!“
Und so waren alle Waldmäuse in diesen Herbsttagen unterwegs. Auch die kleine Waldmaus durchstreifte den Wald. Viele Nüsse und Bucheckern hatte sie schon gesammelt und sie fühlte sich ein bisschen müde.
„Noch eine Nuss muss ich finden“, nahm sie sich vor. „Dann ruhe ich mich aus.“
Aber sie fand keine Nuss in der Nähe des Mäusebaues mehr. Tiefer in den Wald aber wollte sie nicht gehen. ‚Das ist gefährlich!‘, hatte Opa Maus gewarnt. Aber sie musste diese einzige letzte Nuss doch unbedingt finden!
‚Hm!‘ Die kleine Waldmaus dachte nach. Dann huschte sie schnell auf die andere Seite des Weges und betrat vorsichtig das fremde Wäldchen.
Ein Schritt und noch ein Schritt und noch einer. Psst!
Sie spähte nach allen Seiten. ‚Sei immer auf der Hut!‘, hatte Opa Maus gesagt. Daran dachte die kleine Waldmaus nun. Sie war so vorsichtig und so sehr auf der Hut, dass sie vor lauter Hin- und Hergucken nicht mehr auf den Waldboden achtete.
Da passierte es. Sie trat auf ein seltsames Ding mit vielen kleinen spitzen Stacheln. Autsch! Das tat weh!
„Autsch!“, schrie die kleine Maus auf. „Ein fremder Feind! Hilfe!“
Sie zuckte zurück. Diese spitzen, schmerzenden Stacheln kannte sie doch! Von den Igeln. Und Igel waren immer hungrig und gefährlich für Waldmäuse.
„Hilfe!“, rief sie wieder. „Bist du ein Igel? Ein kleiner grüner Igel?“
Das Stachelding schwieg. Ohne sich zu bewegen lag es vor der kleinen Maus auf dem Boden und tat … nichts.
„Ich kenne keine grünen Igel“, sagte die Waldmaus, die sich schon ein bisschen weniger fürchtete. „Aber sag, wer bist du?“
„Ein Kastanienigel ist’s“, brummte eine Stimme vom Heidelbeerstrauch her. „In seinem Stachelbauch verbirgt er einen kostbaren Schatz. Eine leckere, süße Kastanienfrucht. Und keine Bange. Ich … ich bin ein Igel und ich habe keinen Appetit auf kleine Waldmäuse.“
Ein Igel? Die Waldmaus erschrak so sehr, dass sie sich nicht bewegen und schon gar nicht fliehen konnte.
Der Igel kam näher. „Aber ich habe eine riesengroße Lust auf eine süße, leckere Kastanie. Ich muss sie nur aus ihrem grünen Stachelkleid befreien“, sagte er. „Hilfst du mir?“
„I-i-ich…“, stammelte die kleine Maus. „J-j-ja…“
„Prima!“, freute sich der Igel.
Und dann half die kleine Waldmaus ihrem neuen Freund, die Kastanienhülle, die sogar für einen stacheligen Igel zu stachelig war, zu öffnen. Und der Igel hatte Recht: Die Kastanie, die sich hinter den Stacheln versteckte, schmeckte prima. Sie war so lecker, dass die kleine Waldmaus und der kleine Igel noch viele Kastanienstachelhüllen in diesem Herbst gemeinsam öffneten.
Aber Psst! Das blieb ihr Geheimnis. Psst!

© Elke Bräunling

Die kleine Waldmaus und der frühe Frühling
Die kleine Waldmaus und das Frühlingserwachen
Die kleine Waldmaus und der Erntetag
Die kleine Waldmaus und das Stacheltier
Die kleine Waldmaus und das kleine große Tier
Die kleine Waldmaus und der fremde Duft
Die kleine Waldmaus und das Bunt im Grün
Die kleine Waldmaus und das Herbstfest
Die kleine Waldmaus und das graue Grau
Die kleine Waldmaus, der Nebel und das Licht mit Hut
Die kleine Waldmaus und das sprechende Glück
Die kleine Waldmaus und der Sternenregen
Die kleine Waldmaus kann nicht schlafen
Als die kleine Waldmaus mit dem Eichhörnchen auf Futtersuche ging
Die kleine Waldmaus und die Decke aus Schnee

 
Hier findest du Geschichten, Märchen und Gedichte über Igel im Herbst und im Winter:

Der kleine Igel und das Ende des Sommers
Der kleine Igel und der große Hunger
Als der kleine Igel über die große Katze stolperte
Das Igelhaus
Von Igeln, Winterschlaf und Hungerkünstlern
Hallo mir ist kalt – Igel sucht ein Winterquartier
Igel Friedo sucht ein Winterquartier
Die kleine Waldmaus und das Stacheltier
Hungrig wie ein Igel
Der Herbstlaubberg
Der kleine Igel und das weiße Weiß
Das Winterland im Blätterberg – Fantasiereise zum Ende des Herbstes
Der kleine Igel macht Winterschlaf – Fantasiereise und Entspannungsübung

11. Oktober 2018 von Elke
Kategorien: Abenteuergeschichten, Familiengeschichten, Freundschaftsgeschichten, Gutenachtgeschichten, Herbstgeschichten, Mutgeschichten, Naturgeschichten, Tiergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

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