Archiv für Frühlingsmärchen

Alle Vögel sind schon da

Von der Rückkehr im Frühling, vom Singen und vom Danke sagen

„Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle! Welch ein Singen, Musizieren, Pfeifen, Zwitschern, Tirilieren! Frühling will nun einmaschiern, kommt mit Sang und Schalle.“ *
Irgendjemand in den Gärten sang das Lied und es klang schön. Nach Frühling, Wärme und heiterer Musik.
Die Vögel, die in diesen trüben und kühlen Regenwettertagen so gar keine Lust haben, schon ‚da‘ zu sein und zu pfeifen, zwitschern und tirilieren, hoben die Köpfe. Sie staunten.
„Alle Vögel sind schon da? Wir? Wir sind schon da?“, fragte die alte Amsel.
„Ist es denn so weit?“, wunderte sich das Finkenpaar. „Es fühlt sich noch gar nicht danach an.“
„Ja, irgendwie trifft das wohl zu. Aber so richtig angekommen fühle ich mich noch nicht in diesem Frühjahr“, sagte der Amselmann und sang probehalber ein paar Takte seiner lockenden Frühlingsmusik. Sie schien aber keinen zu locken, denn da war nirgendwo die Antwort einer Amselfrau zu hören.
Die Meisen nickten. „Ja, ja“, tschilpten sie. „Ihr seid müde, ihr Wandervögel.“
„Nein, das sind wir nicht“, protestierte der Finkenmann, der vor einigen Tagen aus seinem Winterquartier in Italien zurückgekehrt war.
„Wir sind nicht gewandert“, warfen die Amseln ein. „Seit Jahren bleiben wir hier, denn wir müssen in diesen lauen Wintern nicht hungern. Unsere Gartenmenschen versorgen uns wohl mit Nahrung.“
„Stimmt, stimmt“, rief ein Spatz. „Ein Winter mit sattem Bauch ist ein guter Winter. Zum Dank an unsere Menschen singen wir ihnen nun viele fröhliche Spatzenlieder.“
„Ihr Spatzen singt Lieder?“, lachten Amseln, Finken und Meisen.
„Ihr könnt doch gar nicht singen mit eurem schrillen Tschilpen“, riefen die Meisen.
„Nur kunterbunt streiten könnt ihr“, sagte die Amsel. „Mit schrägen Tönen. Wir Amseln hingegen sind fabelhafte Sänger.“
Das aber wollten die Spatzen nicht wissen.
„Wir können aber ‚Danke‘ sagen“, sagte der Spatzenopa. „Jedes Jahr aufs Neue sind wir die ersten, die unseren Menschen danken, dass sie uns im Winter nicht im Stich gelassen haben. Auch wenn unser Gesang nicht schön klingen mag, das Danke klingt dennoch in unseren Liedern.“
„Stimmt“, führte ein kleiner, noch junger Spatz fort. „Wie sehr haben sich die Menschen neulich über unseren ersten Spatzenstreit gefreut. Ich erinnere mich noch genau. ‚Wie schön!‘ haben sie gerufen. ‚Die Spatzen streiten wieder. Sie sind die ersten Vögel, die uns den Frühling verkünden. Oh! Was für ein lieblicher Gesang!‘
„In der Not frisst der Teufel Fliegen“, murrte die Amsel. „Die Menschen nehmen mit euch vorlieb, weil wir noch nicht da sind.“
„Falsch. Ihr seid wohl hier, nur habt ihr so früh noch keine Lust zum Singen und Nester bauen und Frühling verkünden“, zwitscherte eine Meise und das Rotkehlchen, das einen harten Winter hinter sich hatte, sagte:
„Den Dank nicht zu vergessen ist nun unser Job. Hört ihr, Kollegen? Danke sagen gehört zum Leben wie essen, trinken, singen, atmen.“
Da waren die Vögel still für einen Moment. Wie recht er hatte, der kleine Kollege mit dem roten Federlätzchen. ‚Danke‘ sagen war wichtig. Wie konnten sie das nur vergessen?
Und sie lauschten wieder dem Lied, das ein Kind irgendwo in den Gärten von Neuem sang:
„Wie sie alle lustig sind, flink und froh sich regen! Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar wünschen dir ein frohes Jahr, lauter Heil und Segen.“
„Ja“, rief Amselpapa. „Lasst uns alle lustig sein und die Herzen der Menschen erfreuen.“
„Und ‚Danke‘ sagen, hört ihr? Danke, ihr Menschen, wie schön, dass ihr uns helft, dass wir für euch da sein können.“
Viel war los plötzlich in den Gärten. Was war das auf einmal für ein Singen und Tschilpen und Streiten und Jubilieren. Laut und durcheinander und sehr fröhlich.
Und die Menschen? Die lachten auch. Weil sie sich freuten.
„Nun hört sich der Frühling wirklich wie Frühling an“, riefen sie. „Danke, ihr Vögel. Wie schön dass ihr da seid.“
„Was sie uns verkünden nun, nehmen wir zur Herzen: alle wolln wir lustig sein, lustig wie die Vögelein, hier und dort, feldaus, feldein, springen, tanzen scherzen.“

© Elke Bräunling

* Liedtext von Hoffmann von Fallersleben

 

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18. April 2018 von Elke
Kategorien: Frühlingsgeschichten, Geschichten für Demenzkranke, Geschichten für Kinder, Geschichten für Senioren, Kindergeschichten, Tiergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

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