Archiv für Adventsgeschichte

Der Klang des Glöckchens


Wie ein Glöckchen auf den Advent einstimmt

Jeden Abend pünktlich um halb neun läutete seit einiger Zeit im Stadtviertel ein Glöckchen. Es klang hell und fröhlich, als wolle es die Bewohner einladen.
Die Leute aber wussten nichts mit der kleinen Glocke und ihrer Botschaft anzufangen. Auch konnte keiner sagen, woher der Glockenklang kam. Aber egal. Hauptsache, er war da und er ertönte pünktlich. Er gehörte bald zum Leben im Viertel dazu und war zur Gewohnheit geworden.
Nach einiger Zeit aber begann das, was stets der Gleichgültigkeit voranging: Die Bewohner nahmen den Glockenklänge nicht mehr wahr. Bis zu dem Tag, an dem das Glöckchen plötzlich schwieg. Es war ein ungemütlicher Nebeltag im November, der nicht für gute Laune zu sorgen vermochte und den man trotzdem nicht vergessen konnte. Weil es nämlich ruhig geworden war ohne das fremde Glöckchen und weil diese Ruhe laut war. Sehr laut sogar.
„Die Glocke! Warum läutet sie nicht?“, fragten sich die Leute. „Wer trägt die Schuld an ihrem Schweigen?“
Fragen nach dem Glöckchen machten schnell die Runde, eine Antwort aber wusste keiner zu geben. Vielleicht war es ja nur ein Irrtum? Bestimmt würde der Glockenklang wie gewohnt bald wieder zu hören sein. Man musste nur darauf warten.
Und so kam es, dass an den nächsten Abenden viele Bewohner des Stadtviertels um halb neun ihre Fenster öffneten oder auf die Straßen traten und die Ohren spitzten. Das Glöckchen aber schwieg. Es läutete auch nicht in den nächsten Tagen.
Wie traurig waren die Leute da! Manch einem schien es, als hätte es die unbekannte, kleine helle Glocke nie gegeben. Hatte man sie sich womöglich nur eingebildet?
„Schade!“, befanden sie und alle teilten diese Meinung. Gerade zu Beginn des Advents vermisste man den Glockenklang noch mehr als sonst. Und eines Abends stellte ein Mann um halb neun eine Kerze ans Fenster.
Das war neu, aber wenn man in das flackernde Kerzenlicht blickte, meinte man, ganz leise die Musik des verlorenen Glöckchens zu vernehmen. Jedenfalls behaupteten dies die Nachbarn und am nächsten Abend stellten auch sie Kerzen in ihre Fenster.
Festlich sah der kleine Platz nun mit den Kerzenfenstern aus. Geheimnisvoll und ein bisschen weihnachtlich. Die Menschen aus anderen Straßen wünschten sich deshalb gleich auch feierliche Fenster in ihren Häusern und stellten ebenfalls Kerzen auf.
Plötzlich, wie früher um halb neun, nein, es war sieben Minuten später, sang der Klang des Glöckchens auf einmal wieder sein leises Lied durch die Straßen.
Es war wie immer. Nein, schöner. Viel schöner.

© Elke Bräunling

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18. November 2018 von Elke
Kategorien: Adventskalender, Geschichten für Kinder, Geschichten für Senioren, Kinderbücher, Kindergeschichten, Weihnachtsgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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