Archiv für Blumengeschichte

Samensammler

Welke Blumen sind nicht tot. Nein, sie sind sehr wichtig!

„Was machst du da?“, fragt das Kind den alten Mann.
„Ich sammle. Siehst du es nicht?“ Der Alte greift mit beiden Händen in die dürren Blütenköpfe der Kornblumen, Lein- und Kamilleblüten, Wildmöhren, Malven, Gänseblümchen, Ringelblumen und Margeriten, pflückt sie und sammelt sie in ein Leinensäckchen, das von einer Schnur gehalten vor seinem Bauch hängt.
„Du sammelst tote Blumen?“ Ungläubiges Entsetzen schwingt in der Stimme des Kindes mit.
„Tot?“ Der Mann sieht das Kind an. Seine Augen funkeln tiefschwarz, so als ärgerte ihn diese Frage. Dann blickt er auf die welken Blumenköpfe und Samenkapseln in seinen Händen.
„Sie sind nicht tot“, knurrt er. „In ihnen ruht das Leben, aus dem Neues wächst. Aber dies lernt ihr heutzutage wohl nicht mehr in der Schule.“
„In ihnen ruht das Leben?“ Das Kind staunt. „Das klingt schön.“ Und nach einer Nachdenkpause fügt es hinzu: „Dann müssen die Blumen gar nicht sterben, auch wenn sie welk und tot aussehen?“
Nun lächelt der Mann. „Nein. Sie leben weiter in den Samen, die nach der Blüte in ihren Fruchtknoten herangereift sind. Sieh, hier!“ Er öffnet die Fruchtkapsel einer Kornblume. „Viele Samenkörner! Alles Kinder einer einzigen Kornblume.“
„Und aus jedem Samen wächst im nächsten Jahr eine neue Blume mit wieder ganz vielen neuen Samenkindern“, ergänzt das Kind. „Das ist toll!“
„Ja! Es ist wundervoll. Die Natur ist wundervoll.“ Der Alte nickt.
„Aber warum sammelst du all diese Samen?“ Das Kind deutet auf das Samensäckchen. „Hier drin können keine neuen Blumen wachsen. Dazu brauchen sie Erde und Wasser und Licht und Sonne. So etwas lernen wir nämlich doch in der Schule, weißt du?“
Nun lacht der Alte.
„Du hast recht. Dieses Säckchen wird zum Winterquartier für all die Blumensamen, die ich in diesen Tagen finde. Im Frühling werde ich sie überall dort aussäen, wo bunte Blumen fehlen und Bienen hungrig sind. Dort werden sie ihre neue Heimat finden.“
„Das gefällt mir.“ Das Kind freut sich. „Darf ich dir beim Samensammeln helfen? Ich kenne nämlich auch viele Plätze, die in diesem Sommer nicht blumenbunt gewesen sind. Damit sich die Bienen im nächsten Sommer freuen, und die Hummeln und Schmetterlinge und Vögel und Käfer und auch die Menschen. Fein wird das!“
„Na, dann mal los!“ Der Alte spuckt in die Hände. „Es wartet noch viel Arbeit auf uns. Fangen wir an!“
Und das tun sie auch, der beiden Samensammler, und sie sammeln noch viele Blumensamen in diesem Herbst.

© Elke Bräunling

Sammensammelsurium vom Wegrand

11. September 2018 von Elke
Kategorien: Auf dem Land, Blumengeschichten, Geschichten für Kinder, Geschichten für Senioren, Herbstgeschichten, Kindergeschichten, Naturgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Das Abschiedslied der Sommerblumen

Zum Abschied strengen sich die Sommerblumen mit ihren Blütenfarben noch einmal ganz besonders an

Es ist ein sonniger Spätsommertag. Ein gelber Tag. Nein, eigentlich ein goldener.
Die Sonne, die nicht mehr ganz so hoch am Himmel steht und auf ihrem Weg durch die Tage immer kleinere Bahnen zieht, überzieht das Land mit einem zarten Schleier, der leicht golden schimmert. Ein Hauch ist’s nur, der die Luft zum Flirren bringt und das Land fröhlicher, freundlicher, sanfter erscheinen lässt. Golden eben.
„Nun beginnen wieder die goldenen Tage“, sagen die Menschen und sie freuen sich. Viele sagen auch: „Die Zeit des späten Spätsommers und frühen Frühherbstes ist die schönste Zeit im Jahr. Die friedvollste. Die sanfteste und zugleich farbenprächtigste.“
Andere nicken dann und bestaunen die kräftigen Farben der Astern, Sonnenblumen, Kapuzinerkresseblüten, der Tagetes, Disteln und die der späten Rosen. Alle leuchten in sattem Gelb, in Wein- und Rostrot, in tiefen Lila- und Rosatönen. Es ist, als lachten sie der Sonne, die von Tag zu Tag zögerlicher ihre Strahlen vom Himmel schickt, aufmunternd zu. Als dankten sie ihr mit dem prachtvollen Farbenspiel ihrer Blütenkleider für das Sommersonnenlicht.
Manchmal, in stillen Momenten in den Mittagsstunden, an denen die Sonne den höchsten Platz am Himmel einnimmt, meint man sie flüstern zu hören. Nein, sie singen und summen ihre Botschaft. Leise, zärtlich, dankend. Ein Lied an die Sonne und an den scheidenden Sommer.
Psst! Du kannst es hören, das Abschiedslied der Sommerblumen. Manchmal, zur Mittagszeit, im scheidenden Sommer. Träge schwingt es sich durch die Lüfte und begleitet den Tag in den Abend hinein. Und während die Sonne weiterzieht, schließen die Knospen ihre Blütenkränze. Sie brauchen ihren Schlaf, um am nächsten Tag in noch kräftigeren Farbtönen dem Sommer ein neues Abschiedslied zu singen … und um sich langsam, ganz langsam in ein Ende – und einen neuen Anfang zugleich – zu verabschieden.

© Elke Bräunling

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Aus dem Buch:

Taschenbuch Hör mal, Oma! Ich erzähle dir eine Geschichte vom Sommer: Sommergeschichten – von Kindern erzählt
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19. August 2018 von Elke
Kategorien: Blumengeschichten, Geschichten für Kinder, Geschichten für Senioren, Geschichten über Gefühle, Herbstgeschichten, Kindergeschichten, Sommergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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