Der kleine Rabe und der bunte Wunderbaum

Der kleine Rabe trifft einen Maibaum und staunt

„Nanu, was ist das denn?“
Neugierig landete der kleine Rabe auf dem bunten Baum, der unweit der großen Rabenlinde mitten auf dem Marktplatz stand.
„Ein schöner, ein wunderschöner Baum ist das“, murmelte er. „Und ein Wunderbaum dazu.“
„Ein Wunderbaum?“, fragte der neue bunte Baum. „Ich bin ein Wunderbaum?“
Der kleine Rabe zuckte vor Schreck zusammen.
„Oh, sp-sprrechen kannst du auch?“, stammelte er. „D-dann bist du wirklich ein Wunder. Ein bunter Baum, der in wenigen Tagen so hoch zu wachsen vermag und darüber hinaus auch noch sprechen kann, ja, der kann nur ein Wunder sein. Ein großes, buntes Wunder.“
„Oho! Ich bin ein Wunder! Das gefällt mir“, freute sich der Baum.
Ein bisschen zitterte auch sein Stamm mitsamt der kreisrundem Krone, die irgendjemand mit langen roten und grünen und weißen und blauen und himbeerfarbenen Bändern geschmückt hatte. Es war ein fröhliches Freudenzittern. Oder lachte der Baum?
„Aber sag, bist auch du vielleicht ein Wundervogel?“, kicherte der Baum. „Einen Vogel, der sprechen kann, habe ich nämlich noch nicht kennen gelernt. Sag, kannst du auch so wunderfein singen wie deine Vogelkollegen, die mich zur Morgen- und Abendstunde in meinem Kronenkranz besuchen?“
„Singen? Äh! Ich … ich spreche lieber“, antwortete der kleine Rabe, der seinen neuen Freund nicht belügen wollte. Mit Singen nämlich hatte er nichts am Hut. Er überlegte. Einen lachenden Baum, der bunt war und sprechen konnte, hatte er wirklich noch nie getroffen. Auch nicht auf seinem Ausflug in den großen Bergwald, von dem er gerade zurückgekehrt war. Seltsam war das, sehr seltsam. Aber auch schön.
„Seltsam, sehr seltsam ist das mit dir“, murmelte er in Gedanken versunken.
„Und was bedeutet es, ‚seltsam‘ zu sein?“, fragte der Baum mit einem Kichern.
„Anders“, erklärte der kleine Rabe. „Du bist anders als alle anderen Bäume und das ist eben selten und selten kann auch seltsam sein.“
„Falsch!“ Nun lachte er schon wieder, dieser lustige Baum. „Wir sind viele in diesen Frühlingstagen, meine Kollegen und ich. Du findest uns in Städten und Dörfern dort, wo sich Menschen versammeln und Spaß daran haben, diesen Monat, der sich ‚Mai‘ nennt, zu feiern. Wir nämlich sind die Bäume dieses Monats.“
„Hoho!“ Nun war es der kleine Rabe, der lachte. „Dann bist du ein Maibaum? Hoho! Was für ein spaßiger Vogel, äh, ich meine Baum du doch bist! Hoho! Von dir muss ich gleich meinen Rabenfreunden erzählen. Aber ich komme wieder, ganz bestimmt. Mit dir kann man nämlich prima lachen.“
Er plusterte die Flügel auf und flog mit dieser neuen Nachricht hinüber ins Wäldchen auf der anderen Seite des Dorfes.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

22. April 2018 von Elke
Kategorien: Baumgeschichten, Frühlingsgeschichten, Geschichten für Kinder, Kindergeschichten, Tiergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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