Die kleine Waldmaus und der Erntetag

Die Zwetschgenbäume haben für alle Früchte übrig

„Bald ist Erntetag,“ sagte Opa Maus. „Erntetag ist ein guter Tag.“
„Ein guter Tag?“, fragte die kleine Waldmaus. „Gut klingt gut.“
„Er ist auch ein süßer Tag“, sagte Oma Maus. Sie lächelte dabei.
„Süß? Wie famos!“ Die kleine Waldmaus war begeistert. ‚Süß’ klang noch besser als ‚gut‘. Und besser als gut war eine tolle Sache. „Und was machen wir an diesem Erntetag?“
„Abwarten und genießen.“
Das klang immer besser. „Und was genießen wir?“
„Zwetschgen“, erklärt Oma Maus. „Die drei Bäume am Rande der großen Menschenwiese sind voll davon. Sie sind reif und schwer.“
„Die Bäume?“
„Nein, die süßen Früchte. So schwer sind sie, dass sie sich nicht mehr an den Zweigen halten können und ins Gras fallen.“ Opa Maus rieb sich die Pfoten. „Und dort warten sie darauf, dass wir kommen und ihre Kerne vom süßen Fruchtfleisch befreien. Sie brauchen es nicht mehr. Frei wollen sie sein und ihre Kerne in die Erde graben und zu neuen Bäumen heranwachsen. Das wünschen sie. Das ist ihr Ziel.“
„Und das leckere süße Fruchtfleisch?“, fragte die kleine Waldmaus, die die Sache mit den Früchten nicht ganz begreifen konnte.
Opa Maus lachte. „Das gehört uns Waldmäusen.“
„Und den Feldmäusen. Überhaupt allen Tieren, die hier leben“, sagte Oma Maus. „Ha! Das wird ein Fest! Ein köstlich süßes Schmausefest. Und damit wir nichts verpassen, sollten wir uns gleich auf den Weg zum Wiese machen.“
„Oma Maus hat recht“, sagte Opa Maus. „Wir sollten rechtzeitig zur Stelle sein.“ Er wandte sich seiner Familie zu und rief: „Seid ihr bereit?“
„Ja, ja, ja! Und wie!“, riefen alle Mitglieder der Waldmausfamilie, na ja, alle, die die Sache mit dem ‚Ernten‘ schon kannten.
„Ja, ja, ja! Und wie!“, rief auch die kleine Waldmaus. „Süß ist gut und süße Früchte sind noch besser und die will ich jetzt alle zum Naschen haben.“
Da lachten die Mäuse. Manche kicherten noch, als sie sich auf den Weg zur großen Menschenwiese am Rande des Waldes machten.
Als sie aber dort ankamen, lachten sie nicht mehr. Viel war nämlich los auf der Wiese. Menschen waren da, ein Mann, eine Frau und drei Kinder. Mit Erntekörben und einem Erntewagen. Sie versteckten sich nicht wie die Waldmäuse im Gras, um darauf zu warten, dass die schweren Früchte ins Gras plumpsten. Nein, sie pflückten die Zwetschgen von den Zweigen und füllten sie in ihre Körbe. Sie waren fröhlich und sehr gut gelaunt.
„Ernten ist toll!“, rief ein Menschenkind.
„Und Zwetschgenkuchen ist auch toll“, sagte ein anderes. „Beeilen wir uns, damit Oma heute noch einen leckeren Kuchen backen kann!“
Und sie pflückten alle drei Bäume leer. Nur in den oberen Zweigen hingen noch Früchte. Es waren die dicksten und schönsten und süßesten Früchte, die die Sonnenstrahlen am meisten geküsst hatten.
„Sie sind für die Vögel“, sagte der Menschenmann. „Sie sollen auch ein Erntefest haben.“
„Und wir?“, fragte die kleine Waldmaus. „Haben wir nun keinen Erntetag?“
Die Mäuse schwiegen. Sie waren enttäuscht. Und müde. Und enttäuscht und müde schliefen sie ein in ihrem Versteck unter dem großen Stein am Rande der Wiese.
Am Abend zog ein Gewitter auf mit viel Wind. Der fuhr wild durch die Kronen der drei Zwetschgenbäume, rüttelte an den Zweigen und peitschte sie hin und her. Und da plumpsten viele der besonders dicken und süßen Zwetschgen von den oberen Zweigen hinab ins Gras. Dort blieben sie liegen als ein Geschenk des Windes für die Wald- und Wiesentiere. Auch für die Vögel blieb genug übrig. Staunen würden sie alle, wenn sie aufwachten.

© Elke Bräunling

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

11. September 2016 von Elke
Kategorien: Gutenachtgeschichten, Herbstgeschichten, Märchen, Naturgeschichten, Sommergeschichten, Tiergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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