Die kleine Waldmaus und das kitzelige Rehkitz

Der Tag, an dem die Mähmaschine der Menschen über die Waldwiese fuhr

Es war ein warmer, trockener Sommertag. Anstatt sich wie die anderen Waldmäuse in der schattigen Höhle auszuruhen und den kühlen Abend abzuwarten, trieb sich die kleine Waldmaus am Waldrand bei der großen Wiese herum. Hier war immer etwas los und es gab immer etwas zu bestaunen. Heute aber war es laut hier. Ein Dröhnen und Knattern lag in der Luft. Je näher die kleine Maus zur großen Wiese kam, umso lauter wurde dieser Lärm. Komisch. Diese Geräusche hatte die kleine Waldmaus noch nie gehört. War dies Menschenlärm?
Da! Ein großer, schwarzer, lärmender Schatten ratterte und knatterte mit lautem Getöse vom Tal her den vorderen Wiesenhang aufwärts. Eine Menschenmaschine. Sie trug blitzende Messer mit sich und schnitt ratsch und ritsch und schnapp die Kräuter und Gräser der Wiese alle ab. Weiter fuhr dieses Blechding bergan und immer weiter. Die Gräser und Kräuter aber ließ es platt auf der Wiese liegen.
Die kleine Waldmaus erschrak. Gehörte die Wiese nicht den Tieren? Hoffentlich hatten sich die Wiesentiere alle rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Nicht auszudenken, wenn diese blitzenden Messer ihre Freunde, die Tiere … Nein, gar nicht weiter denken mochte die kleine Waldmaus diesen Gedanken. Er fühlte sich so schmerzhaft an. So gemein.
„Ich muss sie warnen, die Freunde, die dort noch auf der Wiese unterwegs sind“, murmelte die kleine Maus. „Ja, warnen. Aber wie?“
So schnell sie konnte, sauste sie hinauf zum großen weißen Stein. Dort würde sie eine bessere Aussicht haben und vielleicht einige Wiesenfreunde, die anderen Waldmäuse, die Feldmäuse und Hamster und die Kaninchenkinder, treffen.
Sie hatte Glück. Beim weißen Stein hatten sich schon viele Freunde versammelt.
„Wie gut, dass du in Sicherheit bist“, riefen sie der kleinen Waldmaus entgegen. „Wir hatten schon Angst, du würdest dieses Menschenmonster mit den scharfen Messern treffen.“
Die kleine Maus nickte. Ja, was für ein Glück!
„Geht es euch allen gut?“, japste sie, während sie sich von dem schnellen Lauf erholte und erst einmal verschnaufte.
„Alles gut, alles klar“, antwortete eine der Feldmäuse und alle atmeten auf. Das war ja noch einmal gut gegangen.
Da aber ertönte von der Mitte der Wiese her ein Schrei.
„Das kleine Reh“, hallte es zum weißen Stein herauf. „Kommt alle her und helft! Das Rehbaby liegt hier in seinem Wiesennest und Mama Reh ist noch im Wald unterwegs.“
Das kleine Reh? Oh je.
So schnell sie konnten, stürzten sich alle Mäuse und Hamster wieder in die Wiese und rannten an der Menschenmaschine vorbei zu dem Rehkitz.
Das aber kannte die Menschen und ihre Maschinen noch nicht und wollte ohne seine Mutter den Wiesenplatz nicht verlassen.
„Bleib liegen, bis ich wiederkomme!“, hatte ihm die Rehmutter befohlen. „Hier bist du sicher.“
„Du musst aufstehen und die Wiese verlassen. Komm mit uns, kleines Rehbaby!“, riefen die Mäuse und Hamster nun.
Das Rehkitz aber dachte an die Worte seiner Mutter und weil es ein gehorsames Rehkind war, blieb es liegen. Aber seine Furcht war groß. Die Höllenmaschine, die das Gras kleiner machte, kam nämlich näher und näher, und das Lärmen und Brausen und Knattern wurde immer lauter.
Und dann war da plötzlich auch noch dieses Kitzeln. Überall kitzelte und krabbelte und juckte es auf einmal. Nun sprang das kleine Reh doch auf. Vor Schreck dieses Mal. Es war nämlich sehr kitzelig. Und weil das Kitzeln an den Pfoten und Beinen nicht aufhörte, hüpfte es Schritt für Schritt für Schritt aus der Wiese heraus bis hoch hinauf zum weißen Stein. Dort traf es die anderen Tiere … und die Wald- und Feldmäuse, die hinter ihm her kamen. Sie waren es gewesen, die das kleine Reh mit Kitzeln und Krabbeln und Pieksen aus der Wiese fort gelockt hatten. Gerade noch rechtzeitig. Die Menschenmaschine hatte den Platz mit dem Rehkitznest längst erreicht. Nicht auszudenken, wenn nicht eine der Mäuse auf die Idee mit dem Kitzeln gekommen wäre.
Welche der Mäuse das gewesen ist?
Die kleine Waldmaus saß auf dem Stein und kicherte.
„Kitzeln hilft immer“, lachte sie und lachte. Und alle Tiere lachten mit. Vor Erleichterung und vor Freude, dass alles gut ausgegangen war.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Autorin

18. Mai 2017 von Elke
Kategorien: Auf dem Land, Frühlingsgeschichten, Kindergeschichten, Mutgeschichten, Sommergeschichten, Tiergeschichten, Waldgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


Ich freue mich uns sehr über jeden Kommentar. Mit der Nutzung dieses Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen