Die müde Schnecke

Tiergeschichte – Viele Freunde für die schüchterne Schnecke

„Müde! Ich bin müde! In mein Haus zurückziehen möchte ich mich und schlafen, schlafen, schlafen.“
Die alte Weinbergschnecke gähnte so laut, dass die Tiere auf der Wiese die Ohren spitzten und besorgt zu ihr herüber sahen. War etwas passiert? Eine gähnende Schnecke hatten sie noch nie gesehen und noch weniger gehört. Schnecken gähnten nicht. Nein, da musste etwas passiert sein.
„Was ist los mit dir, liebste Freundin?“, erkundigte sich die Wiesenmaus. „Geht es dir nicht gut? Brauchst du Hilfe?“
Die Schnecke blickte auf. Seit wann war diese Maus so freundlich zu ihr? Stimmte der scheidende Tag sie milde? Oder was führte sie im Schilde?
Doch ehe sie länger nachdenken konnte, meldete sich der schwarze Hirschkäfer zu Wort. „Du trägst schwer an deiner Last“, bemerkte er. „Man sieht es dir an.“
Welche Last? Was meinte er. Und überhaupt, seit wann ließ sich dieser hochmütige Kerl dazu herab, mit ihr zu sprechen? Fast klang es sogar, als machte er sich Sorgen. Um sie etwa?
„Es … es ist nichts“, wollte sie sagen, doch da vernahm sie schon eine dritte Stimme und die klang auch besorgt.
„Ich hörte Ihr Stöhnen, Verehrteste. Ihnen wird doch nichts weh tun?“
Es war der Waldkauz, der im Stamm der Kiefer sein Nest hatte.
„Bedauerlich wäre dies. Sehr bedauerlich, wie ich meine.“
„Ja, jawohl ja, ja!“
Ringsum ertönten nun besorgte Stimmen und alle, so schien es, machten sich Sorgen um sie, die alte Schnecke.
Hm. Hm. Hmmm?
Die Weinbergschnecke kam aus dem Wundern nicht mehr heraus. Was war los mit den Waldtieren? Sie schenkten ihr doch sonst auch keine Beachtung!? Träumte sie das alles nur? Und was sollte sie ihnen antworten? Sie redete doch sonst auch nicht mit ihnen. Nein. Eigentlich redete sie nie, weil sie nie wusste, was sie sagen sollte. Weil sie schüchtern war. Sehr sogar, doch das wusste keiner. Schließlich hatte sie es niemandem gesagt. Dazu war sie viel zu schüchtern. Hätte sie etwa zu ihnen kriechen und „Ich traue mich nicht, mit euch zu reden, weil ich nicht weiß, worüber wir sprechen könnten?“ sagen sollen? Ha! Ausgelacht hätten sie sie. Wer so schüchtern ist, dass er nicht zu sprechen wagt, der ist schließlich nicht normal. Oder?
Und was sollte sie jetzt tun? Am liebsten hätte sie sich in ihr Schneckenhaus verkrochen, um nichts mehr zu sehen und zu hören und um vor allem nichts sagen zu müssen. Dazu war ein Schneckenhaus ja auch da.
Aber nein. Sie waren heute alle so freundlich zu ihr! Wie konnte sie da schweigen?
Sie hob die Fühler, öffnete langsam den Mund. „Ich … Iiiich …“
Sie brach ab, zog sie den Kopf ein und …
„Halt! Nicht wieder verkriechen!“, rief das Eichhörnchen. „Rede mit uns!“
„Stimmt“, sagte die Hasenmama. „Immer schweigen tut nicht gut. Hab Mut!“
Da reckte sich die Schnecke und dann sprach sie. Laut und deutlich und sehr sehr sicher:
„Eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich müde bin“, rief sie den Tieren zu. „Der lange Tag hat mich angestrengt, doch … ja, doch das bin ich jetzt nicht mehr. Müde, meine ich. Nein, gar nicht mehr. Wie schön, dass wir darüber gesprochen haben.“
Dann lachte sie und die Tiere, die eigentlich alle ihre Freunde waren, lachten mit, bis von irgendwoher die knurrende Stimme des Igels ertönte:
„Sprechen kann sie also und Lachen auch. Das ist gut, doch können wir uns nun wieder beruhigen? Ich bin nämlich müde. Sehr sogar.“
Dass da alle noch mehr lachten, ist klar. Oder?

© Elke Bräunling


Schneckchen, Bildquelle © azeret/pixabay

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