Helden, die Fahrrad fahren

Eine Woche ohne Auto, eine schwere Zeit

Eine schwere Woche war angebrochen. Eine Woche ohne Auto. Beide Autos der Familie waren unterwegs. Mit Mama zu einem Seminar und mit Oma zu einer Wellnesswoche. Opa, Papa, Carlotta und der kleine Johannes blieben alleine zurück. Ohne Mama und Oma und ohne Auto. Die Vier wussten nicht, was gerade schlimmer war. Die Tage ohne Mama und Oma oder die Tage ohne Auto. Das aber sagten sie nicht. Sie dachten es nur.
„Eine Woche ohne Auto. Und das im Februar bei der Kälte. Wie sollen wir das überstehen?“, stöhnte Papa.
„Ganz einfach: Wir fahren mit dem Rad“, sagte Opa. „Du ins Büro, Carlotta in die Schule und ich zum Einkaufen in die Stadt.“
„Und ich in den Kindergarten“, krähte der kleine Johannes.
„Mit dem Dreirad? Hehe!“ Carlotta kicherte.
Johannes nickte und kicherte mit.
„So ist’s recht“. Opa war zufrieden. „Wahre Helden fahren mit dem Rad. Die nehmen nicht das Auto. Ach, wenn ich da an früher denke! Alle Fahrten, fast alle, haben wir mit den Rad gemacht. Selbst Urlaubsreisen. Bis nach Italien sind wir geradelt, nach Dänemark, einmal sogar fast zum Nordkap.“
„Boah!“ Carlotta staunte. „So weit?“
„Nur Helden lernen die Welt kennen“, tönte Opa und fast konnte man ihm diese Heldengeschichte sogar abnehmen.
Papa aber stöhnte wieder. „Das hast du uns schon oft erzählt. Aber nein, ich bin kein Held. Nicht im Winter. Ich nehme mit Johannes den Bus.“
Johannes heulte auf. „Ich will aber ein Held sein und die Welt kennen lernen. Wie Opa.“
„Später“, tröstete Papa ihn. „Im Sommer. Da muss man nicht frieren.“
Johannes wollte aber frieren und er wollte ein Held sein und die Welt kennen lernen. Und als Papa am nächsten Morgen unter der Dusche stand, zog er Anorak, Mütze und Schuhe an und schlich sich mit einer Packung Kekse und einer Tüte Fruchtsaft als Proviant aus dem Haus. Leise holte er sein Dreirad aus der Garage und radelte los in die Welt hinaus. Er fuhr unendlich viele Stunden über unendlich weite Wege durch unendlich abenteuerliche Länder.
Ein Glück, dass auch Opa schon so früh unterwegs war, wie es echte Helden eben so tun. Die beiden trafen sich auf ihrer Reise in die Welt irgendwo zwischen Ländern und Meeren, es kann aber auch am Ende der Siedlung gewesen sein. Egal.
„Willst du nicht erst noch frühstücken?“, fragte Opa.
Johannes nickte. „Ein Held zu sein ist ganz schön stressig und Hunger habe ich auch. Aber nachher, da fahren wir weiter. Versprochen?“

© Elke Bräunling

 

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

03. Februar 2017 von Elke
Kategorien: Familiengeschichten, Kindergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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