Ein müder Wolkentag


Auch Wolken brauchen manchmal ihre Ruhe, besonders in der Spätwinterzeit

„Hey, Wolkenmaler! Schieb die Wolken weg! Wir wollen die Sonne sehen.“
„Und wir wollen ihre Wärme wieder spüren, Wolkenmaler, hörst du?“
Zwei Kinder standen auf der verschneiten Wiese und winkten zum Himmel herauf.
Der alte Mann im Wolkenschloss sah es genau. Er hörte die Rufe wohl, allein er konnte nichts daran ändern, dass diese Spätwinterzeit noch kalt und wolkenreich war. So jedenfalls stand es auf dem himmlischen Zeitplan, und an den hatte er sich zu halten.
Die Wolkenherde schienen das heute aber anders zu sehen.
„Ich bin es leid, Tag für Tag für Tag den Himmel zu verdunkeln“, beschwerte sich eine besonders dicke, dunkle Wolke.
„Schon lange hat es keinen Sonnentag mehr gegeben“, pflichtete ihr ihre Nachbarin bei.
„Ein wolkendunkler Winter tut keinem gut“, klagte eine dritte Wolke. „Den Menschen nicht und auch nicht den Tieren und Pflanzen. Und uns, um es offen zu sagen, auch nicht.“
„Wie?“ Der alte Wolkenmaler blickte auf. „Wolkentage tun euch Wolken nicht gut? Das hieße, ihr tut euch nicht gut? Das verwundert mich. Wie darf ich euer Begehren verstehen?“
„Ganz einfach!“, rief ein schneeweißes Wölkchen, das in jenen dunklen Tagen besonders hart zu kämpfen hatte. „Wir würden uns gerne ausruhen. Der Dunkelwinter macht müde.“
„Die Kleine hat recht“, bestätigte die schwere Schneeflockenwolke. Sie gähnte. „Ein Schläfchen könnte nicht schaden.“
„So ist es!“, stimmten die anderen Wolken mit ein. „Jeder braucht einmal eine Ruhepause. Auch wir Wolken.“
„Ihr habt eure Ruhe an Blauhimmeltagen. Viele davon hat es im letzten Frühling und Sommer gegeben.“ Der Wolkenmaler schüttelte den Kopf. „Nein, meine Lieben! Ich kann euren Wünschen nicht nachgeben. Eine Sturm- und Regenwoche steht auf dem Plan, danach wird es eine Schneezeit geben. Das Land weiß bemalen sollen wir noch einmal, damit der Winter ein helles, sauberes Ende findet.“
„Hell und sauber geht auch anders“, mischte sich die Sonne, der es in diesen Tagen etwas langweilig war, ein. „Ich hätte da eine Idee. Außerdem war mir, als würde jemand nach mir rufen.“
Sie grinste frech und schickte all ihre Wärme, die sie aufzubringen vermochte, zu der Wolkenherde herüber.
Da lachten die Wolken, und eins, zwei, drei zogen sie ihre Wolkenarme ein und machten den Strahlen der Sonne Platz.
Ahh, wie gut das tat!
Menschen und Tiere und Pflanzen und Wolken atmeten auf an jenem Wintertag, der nicht wie vorhergesagt Regen und Sturm brachte, sondern ein paar feine, helle, warme Sonnenstunden. Und der Wolkenmaler? Der schwieg. Irgendwie nämlich fühlte er sich auch ein bisschen müde.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

25. Januar 2018 von Elke
Kategorien: Kindergeschichten, Naturgeschichten, Wettergeschichten, Wintergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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