Der frühe Vogel fängt den Wurm

Von dem hungrigen Vogel, dem schlafenden Wurm und einer (blöden) Redensart

„Ich habe keine Lust mehr! Ich suche und suche und finde ihn nicht. Seit Monaten geht das so. Aber hören, ja, hören tue ich viel von ihm. Täglich. Jeden Morgen.“
Aufgeregt flog der frühe Vogel durch den Garten.
„Wurm, hey, hallo! Wo steckst du? Ich kann dich nicht sehen! Zeig dich, damit ich dich fangen kann. Wieder und wieder und wieder höre ich von dir. Und von mir.“
Der frühe Vogel war erregt. Er pickte hier im Boden, knabberte dort unter dem Gebüsch und zog an den Grashalmen auf der Wiese. Nichts. Keinen einzigen Wurm konnte er entdecken. Der Boden war hart und fest, an manchen Stellen auch noch gefroren. Die Würmer lagen in ihren Schlafhöhlen in der Erde und warteten auf den Frühling. Nur er, der frühe Vogel, durfte nicht warten. Anderes wurde von ihm erwartet. Den Wurm fangen sollte er.
„Er pennt und ich soll arbeiten?“, grollte er. „Überhaupt: Würmer fängt man nicht. Die zieht man aus dem Boden und verzehrt sie langsam Bissen für Bissen für Bissen. Genau so macht man das. Und jetzt habe ich Hunger!“ Er hielt inne. Überlegte. „Aber eigentlich habe ich überhaupt keinen Appetit auf dich, du Wurm!“
Schon lange hatte der frühe Vogel keinen Wurm mehr auf seinem Speiseplan gehabt. Er knabberte lieber Samenkerne, Nüsse, Beeren und Früchte. Aber die Menschen, die redeten immer wieder davon. Jeden Morgen aufs Neue. Und die waren ja schließlich nicht blöde. Oder doch?
Die Laune des frühen Vogels war auf dem Tiefpunkt angelangt.
„Nein!“, rief er wieder. „Ich habe keine Lust mehr, diesem Wurm hinterher zu jagen. „Nicht jetzt in dieser kalten Welt und auch nicht in den warmen Sonnen- und Regenmonaten, in denen diese Würmerbande wieder zuhauf in den Morgenstunden durch die Welt kraucht. Nein, ich muss das nicht mehr haben.“
Er schnappte sich einen Kiefernzapfen und flog damit aufs Dach, um ihn langsam und mit Genuss zu verzehren.
„Iss nicht so langsam! Vergiss dein Müsli nicht!“, hörte er da eine Menschenstimme. Sie klang aufgeregt. „Du kommst wieder zu spät zur Schule. Willst du denn immer der Letzte sein? Du weißt doch: Der frühe Vogel fängt den Wurm.“
Was die Mutter an diesem Morgen noch zu ihrem Kind sagte, hörte der frühe Vogel nicht mehr. Er hatte die Nase voll von diesem Gerede.
„Nicht mit mir. Nicht mehr“, rief er. Er schwang sich in die Luft und fühlte sich frei.

© Elke Bräunling

 

Über Elke

Elke Bräunling, Autorin

15. Februar 2017 von Elke
Kategorien: Kindergeschichten, Spaßgeschichten, Tiergeschichten, Wintergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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