Das Gespenst im Fliederbusch

Was raschelt da im Fliederbusch? Ein kleiner Schreck am Nachmittag

„Huch!“
Großtante Emilie schrak zurück und ließ das Buch mit der Tom-Sawyer-Geschichte, aus dem sie gerade vorgelesen hatte, fallen. Ihre Wangen waren blass geworden.
„Was ist los?“, fragte Anton, der neben ihr am Tisch vor dem Gartenhaus saß und malte.
„D-d-da ist jemand. I-ich habe es genau gehört. Es hat geraschelt“, stammelte Großtante Emilie und deutete auf den alten Fliederbusch, der seinen Platz neben dem Gartenhaus hatte.
„Wo?“ Anton blickte auf. „Hinter dem Gartenhaus? Ich höre nichts.“
„I-ich weiß nicht. A-aber ich meine, von dort her ist es gekommen.“
Die Großtante wischte sich über die Augen, lauschte. Nichts. Ja. Nun hörte auch sie nichts mehr. Tief atmete sie durch.
„Ich muss mich wohl geirrt haben.“
„Vielleicht ist es ein Einbrecher“, überlegte Anton. „Oder ein Mörder, der uns gleich totmachen wird.“ Und als er sah, wie Großtante Emilie noch blasser um die Nase wurde, fügte er tröstend hinzu: „Vielleicht ist es auch nur ein Geist und vor Geistern muss man sich nicht fürchten. Hast du selbst mal vorgelesen. Weißt du noch, in dem Buch vom kleinen Gespenst.“
„G-gespenst? Was meinst du da? Es hat doch bloß im Fliederbusch geraschelt.“ Tante Emilie schüttelte den Kopf, lächelte aber nun. „D-das du mich aber auch immer so erschrecken musst, du Lausekerl.“
Auch Anton grinste. „Stimmt. Gespenster sitzen nicht in Fliederbüschen.“ Er sah die Tante schief an. „Mörder aber wohl. Oder?“
„Unsinn! Worüber reden wir hier eigentlich? Vielleicht wollte ich auch nur testen, ob du mir überhaupt noch zuhörst oder ob du beim Malen nicht längst in eines deiner Traumländer weiter gewandert bist.“
Ertappt! Antons Wangen röteten sich.
„Ich … ich wollte nur ein bisschen …“
Er kam nicht weiter, denn wieder war Großtante Emilie zusammengezuckt. Mit einem lauten Aufschrei nun.
„Da!“, schrie sie gellend und deutete auf den Fliederbusch. „Da war es wieder. Und es ist auch immer noch da. Hörst du es?“
Auch Anton war blass geworden. Klar, dieses Rascheln war nicht zu überhören. Und wie nah es war! Keine fünf Schritte entfernt hockte dieser Einbrecher oder Mörder oder Geist neben ihnen im Busch und beobachtete sie. Aber wie lange noch? Wann würde er aus seinem Versteck heraus preschen und über sie herfallen? Ob es einen Sinn machte, aufzustehen und schnell ins Haus zu laufen, um Hilfe zu holen? War das noch zu schaffen? Was, wenn dieser grässliche Kerl ihm den Weg versperrte und …
Da! Wieder dieses Rascheln und ein schwarzes Monster huschte durchs Laub und schoss pfeilschnell in die Luft. Ein Monster mit Vogelfedern und einem orangeroten Schnabel.
„Ein Vogel!“, rief Anton und er wusste nicht, ob er enttäuscht oder erleichtert sein sollte.
„Eine Amsel!“, freute sich Großtante Emilie. „Bestimmt hat sie ihr Nest im Busch. Ha! Dass sie uns aber auch so erschrecken konnte. Was sind wir zwei doch für Hasenfüße!“
Hm! Vor einer Amsel hatte er sich gefürchtet? Wie peinlich das war!
Und während sich Großtante Emilie über ein Amselnest im Fliederbusch freute, beschloss Anton, dazu erst einmal nichts zu sagen. In sein Bild aber malte er mit energischen Strichen schnell noch einen großen Busch mit dichtem Laub und einem Kopf, der sich dahinter zu versteckte. Einen grausig schwarzen Vogelmonsterkopf, und der war nun wirklich zum Fürchten.

© Elke Bräunling

 

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

30. April 2017 von Elke
Kategorien: Auf dem Land, Baumgeschichten, Familiengeschichten, Frühlingsgeschichten, Kindergeschichten, Spaßgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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