Die Hexe Agnes


Wie ist das mit den Hexe und wer ist eine Hexe und gibt es sie überhaupt?

Es war kühl in dieser Frühlingsnacht. Zu kühl, wie Lara, Konstantin und Johannes, die im Garten hinterm Fliederbusch kauerten und zum Nachbarhaus starrten, fanden. Sie froren nämlich erbärmlich.
„Mir ist kalt“, jammerte Lara.
„Ist ja auch eine doofe Idee, hier stundenlang hinter den Büschen herumzuliegen“, knurrte Johannes. „Ich sage es ja schon die ganze Zeit: Es gibt keine Hexen.“
„Und ich sage euch die ganze Zeit, dass es sie doch gibt. Und die Agnes ist eine davon.“ Konstantin war sich da sicher.
„Sie sieht aber gar nicht wie eine Hexe aus“, knurrte Lara.
„Klar“, wusste Konstantin. „Das ist ja das Dumme mit den Hexen. Man sieht es ihnen nicht an.“
„Du spinnst doch!“ Lara war aufgestanden. „Das mit den Hexen ist überhaupt eine doofe Sache. ‚Aberglaube‘ ist es, sagt meine Mutter und meine Oma ist stinksauer, wenn bei uns einer etwas von Hexen sagt. Es ist, sagt sie, eine ganz fiese Dis … Dis … Diskrimel …“
„Diskriminierung meinst du?“, fragte Johannes, der Meister Oberschlau.
Konstantin lachte und Lara nickte.
„Genau das. Weil man Frauen damit schlecht macht, die gar nichts Schlechtes getan haben“, erklärte sie.
„Ha!“, lachte Konstantin wieder. „Gleich werdet ihr sehen, dass das Quatsch ist. Gleich nämlich wird die Agnes auf ihren Besen steigen und zum Hexenberg reiten.“
Johannes lachte nun auch. Aber es war ein spöttisches Lachen. „Und unterwegs verwandelt sich ihre Nase in eine Hexenhakennase und sie kriegt einen Buckel, damit sie beim Treff mit den anderen Hexen auch wie eine aussieht? Hehe!“
„Warum nicht?“, knurrte Konstantin, der die Idee, in dieser Nacht eine echte Hexe zu sehen, toll fand und deshalb nicht auf dieses Erlebnis verzichten mochte. „Die Agnes ist bestimmt eine. Mein Vater sagt immer, ihr Garten sähe aus wie ein Hexenkräutergarten. Und arbeiten tut sie auch nichts.“
„Wenn das mal kein Vorurteil ist!“, meinte Johannes.
„Die Kräuter braucht sie zum Kochen. Und für Tees“, sagte Lara. „Die schmecken echt superlecker. Und die verkauft sie mit tollen Rezepten in ihren Kochbüchern dann im Internet. Ich sag euch, sie arbeitet sogar ziemlich viel, die Agnes. Auch nachts, wenn alle schlafen.“
„Klar“, murmelte Konstantin. „Das machen Hexen so.“
„Bestimmt schreibt sie auch jetzt gerade wieder ein neues Kochbuch, wetten?“
„Gut geraten, Lara!“ Eine fröhliche Stimme schrak sie aus ihren Flüsterten. Sie kam von hinten, die Stimme. „‚Meine hundert Pfannkuchenrezepte mit Kräutern‘, so lautet das neue Buch, das ich schreibe.“
Es war die Agnes, die eine Hexe war und sich fies gemein an sie herangeschlichen hatte. Gleich würde sie sie mit einem Zauberspruch in Steinfiguren verwandeln und dann auf ihren Besen steigen und zum Blocksberg davon zischen. Jede Wette.
„Sagt, ihr Drei! Ich habe gerade einen Hexentee aus frischen Frühlingskräutern aufgebrüht. Der wärmt auf! Es ist doch noch sehr kalt heute Abend“, fuhr diese Hexe Agnes mit einem Lachen in der Stimme fort. „Habt ihr Lust auf einen Becher?“
Es dauerte einen langen Moment, bis sich die Kinder vom ersten Schreck erholt hatten. Dann aber nickten sie.
„Au ja!“, rief Lara. „Deine Tees schmecken immer sehr lecker.“
„Danke!“, murmelte Johannes. „Es ist doch ziemlich kalt, hier draußen auf den Mai zu warten.“
„Na ja!“, brummte Konstantin. „Einen Becher könnte ich auch trinken. Aber nur einen.“
Der, so dachte er insgeheim, würde sicher nicht schaden. Aber mal ehrlich, sie war doch eine Hexe, die Agnes. Oder wie sonst war es ihr gelungen, sich so leise an sie heran zu schleichen?

© Elke Bräunling

 
© Elke Bräunling

 

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

29. April 2017 von Elke
Kategorien: Auf dem Land, Frühlingsgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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