Es kracht der Sturm

Fröhliche Kindergeschichte zu den Hausaufgaben – Wie man ein gutes Gedicht schreibt

„Es stürmt der Sturm im Sturmgebraus
gar wild und ungestüm ums Haus.
Er bläst und faucht und wütet, kracht,
den Menschen angst und bange macht.
Es stürmt der Sturm so gnadenlos,
mit Sturmgewalt ganz riesig groß.
Und manchmal hört man, wie er lacht,
der Sturm, wenn er zu Boden …

„Zu Boden … kracht. Ja, so passt es.“
Johannes atmet erleichtert auf. Ein Gedicht zu schreiben war gar nicht so einfach und eines über einen Sturm noch weniger.
„Kracht?“ Sein Freund Julius schüttelt den Kopf. „Das mit dem Krachen geht nicht.“
„Warum nicht?“
„Das Wort hast du schon in der dritten Zeile geschrieben. Am Ende.“
Johannes stöhnt auf. Mit Julius war es manchmal nicht einfach. Alles, immer alles musste bei ihm ganz genau sein und stimmen. Gleich würde er dieses Wort auch sagen. Dieses ‚stimmen‘. Und da war es auch schon.
„Das ‚zu Boden kracht‘ stimmt nicht“, erklärte Julius, der Klugscheißer*. Mit wichtigtuerischer Geste deutet er auf das Ende der dritte Zeile, wo Johannes ‚Er bläst und faucht und wütet, kracht‘ gedichtet hat. Eine gute, nein, eine geniale Zeile, wie er findet. Und dieses ‚kracht‘ muss am Ende stehen, unbedingt, damit der Reim auch passt.
„Hier muss aber ‚kracht‘ stehen“, verteidigt er sein Werk.
„Logo.“ Julius nickt gutmütig. „Aber da unten auch und das ist eines zu viel.“
Johannes zuckt mit den Achseln. „Ist mir doch egal. Soll er tausendmal und mehr krachen, dieser blöde Sturm! Hauptsache, das Gedicht ist fertig und die Hausaufgaben im Kasten.“
„Wenn’s doch aber nicht richtig ist. Ein Gedicht darf nicht am Ende das gleiche Wort zweimal in einem Vers haben, nur damit es sich reimt. Das ist Kacke.“ Julius, dieser Korinthenkacker, gibt nicht nach. „Du musst für den Schluss halt einfach ein anderes Wort finden, das sich auf ‚acht‘ reimt.
„Und was reimt sich auf ‚acht‘?“ Johannes’ Stimme ist leise geworden, ein Zeichen, dass er kurz davor war, die Geduld zu verlieren.
„Keine Ahnung.“ Julius zuckt mit den Achseln. „Ist doch dein Gedicht.“
„Gut!“ Johannes schaltet sein ipad aus. „Dann ist es nun fertig, mein Gedicht.“ Er sagt dieses ‚mein‘ laut. Sehr laut und sehr betont.
Die versteckte Drohung, die darin liegt, kommt bei seinem Freund aber nicht an.
„Nicht gut“, meint er. „Zweimal ‚kracht‘ geht wirklich nicht. Du musst …“
„Gar nichts muss ich! Ich glaube, es kracht!“, brüllt Johannes los. Er ist genervt und am liebsten würde er das ipad mitsamt dem blöden Gedicht, das von einem Sturm handeln soll, in die Ecke knallen. Aber das wäre ein teures Knallen gewesen. Im letzten Moment erinnert er sich noch daran. Aber dem Wichtigtuer Julius, dem könnte er eine knallen. Eine tüchtige sogar. Damit er mal spürt, was dieses ‚Krachen‘ wirklich bedeutet. Er holt aus, atmet durch und will die Faust gerade in Julius Gesicht krachen lassen, doch dann hält er inne und grinst:
„Nun haben wir ihn aber so richtig da, den Sturm. Spürst du ihn auch?“
Julius grinst zurück. „Aber so was von. Aber ich sag dir ‚was: Sturm ist scheiße*, und das Gedichte schreiben ist es auch. Aber so was von.“
„Stimmt“, Johannes nickte. „Egal, ob es kracht und wie oft. Lass uns besser rausgehen und Bälle kicken, aber feste, dass es kracht.“

© Elke Bräunling

Und wie nun könnte das Gedicht verbessert werden?
Habt ihr Ideen?

Und ja, das unsägliche „Sch****“-Wort darf hier sein, denn Julius denkt es wirklich und das Denken wollen wir ihm nicht verbieten, oder?


Hausaufgabenzeit, Bilquelle © anaterate/pixabay