Rasmus und die Zaubermurmel

Freundschaftsgeschichte vom Trösten – Echte Freunde sind ganz nah, auch wenn man sie nicht sehen darf

Hinten im Garten steht die knorrige alte Eiche mit dem Baumhaus, das sein Großvater vor vielen Jahren gebaut hat.
Dort oben sitzt Rasmus und sein Herz klopft heftig. Er fürchtet sich nämlich. Nur mit Mühe hat er es geschafft, die Hängeleiter zum Baumhaus zu erklimmen. Nun aber traut er sich nicht mehr hinunter. Dabei hat er nur ein wenig üben wollen, damit ihn die anderen Kinder aus der Siedlung nicht wieder auslachten. „Der dicke Rasmus kann nicht klettern!“, haben die nämlich neulich gesagt. „Rasmus ist feige.“ „Gleich bricht der Boden durch, weil er zu schwer ist. Höhö!“
„Vielleicht bricht der Boden wirklich gleich durch“, murmelt er. „Weil ich doch so sehr dick bin!“
Rasmus, der eigentlich nur ein paar Kilos zu viel wiegt und nicht wirklich dick ist, mag sich nicht vorstellen, was dann passieren wird. Er sucht ein Taschentuch in der Jeanstasche und findet die Murmel, die Jana ihm geschenkt hat. Er rollt sie auf der Handfläche hin und her und betrachtet sie sich. Schon wird die Angst kleiner. Sein Herz aber klopft noch immer. Aus Freude dieses Mal. So klopft es immer, wenn er an Jana denkt. Die ist seine beste Freundin und hat noch nie gesagt, dass er feige oder dick sei.
Und auf einmal glaubt er, Janas Stimme zu hören: „Du schaffst das!“, sagt sie.
Verwundert sieht sich Rasmus um, doch Jana ist nicht da. Wie auch? Sie muss wie all die anderen Kinder zuhause bleiben. Er schnieft.
„Aber ihre Stimme ist hier!“, murmelt er.
Er steckt die Murmel zurück in die Hosentasche und macht sich daran, die Hängeleiter hinunter zu klettern. Ganz fest denkt er dabei an Jana. „Du schaffst das!“, würde sie sagen. „Klar?“
Klar. Vorsichtig setzt Rasmus Fuß hinter Fuß die Leiter abwärts. Manchmal ächzt der Baum ein wenig, dann klettert er schneller und endlich steht er wieder auf dem Boden.
Wie glücklich ist er da! Er hat es alleine geschafft. Und er hat nicht geweint.
Wieder holt er die Murmel aus der Tasche und schaut sie an. Wie gut, dass der Murmelzauber – und Jana – ihm geholfen haben!
„Eine Zaubermurmel bist du“, flüstert er, und laut sagt er dann: „Danke, Jana, dass du eben bei mir gewesen bist.“
Am Abend schreibt er eine Mail an Jana. Darin steht, dass Freunde einander ganz nahe sind, wenn man sie braucht. Auch wenn man sie eine Weile nicht sehen darf.

© Elke Bräunling


Baumhausspaß, Bildquelle © suewest/pixabay