Der Maikäfer an der Krippe

Weihnachtsgeschichte für Klein und Groß – Wie der Maikäfer dem Kind in der Krippe half

„Ich entstamme einer alten Familie. Einer sehr alten.“
Zufrieden lehnte sich der dicke Maikäfer auf seinem Kastanienblatt zurück und blickte in die Runde seiner Käferkollegen. Die hatten seinen Worten aufmerksam und auch ein bisschen ehrfürchtig gelauscht. Wer konnte schon behaupten, aus einem alten Käfergeschlecht zu stammen, wenn nicht er?
„Das ist bekannt“, warf ein vorwitziger Marienkäfer ein. „Die Geschichte hast du uns schon oft erzählt. Du bist einer der Sumsemänner, der im Mond beim Mondmann zu Besuch gewesen war und das gestohlene Maikäferbeinchen zurückgeholt hat.“ *
Der Maikäfer nickte zufrieden. „Das stimmt wohl“, brummte er.
„Aber das ist doch nur ein Märchen!“*, brummte der Rosenkäfer, dem das Protzen der Maikäfer, die alle Nachfahren des großen Helden sein wollten, auf den Geist ging. „Märchenhelden seid ihr. Nichts weiter.“
„Besser ein Märchenheld als gar keiner“, erwiderte der Maikäfer. „Aber weißt du, ob es nur ein Märchen ist oder nicht doch die Wahrheit?“
Die Käfer schwiegen. Er war so klug, der Maikäfer. Jedenfalls tat er so.
„Außerdem“, fuhr der fort, „war diese Sache mit dem Mondmann noch gar nichts. Nein, ein anderer Vorfahr hatte ein noch viel bedeutenderes Erlebnis gehabt. Das aber ist schon viele, sehr viele Jahre her.“
„Oha!“ Der Marienkäfer kicherte und die anderen Käfer grinsten sich vielsagend an. Was er da wohl gerade wieder erzählte, der stolze Brummsemann? Doch sie schwiegen lieber. Das war weniger anstrengend.
„Genau!“, fuhr der Maikäfer da auch schon fort. „In jedem Jahr erinnern sich die Menschen an dieses Abenteuer. Sie feiern es sogar. Und wir Maikäfer, wir feiern es auch.“
„Was? Was feiert ihr?“
„Na, das Kind! In einem Stall wurde es geboren und die Leute wussten damals schon, dass dies ein sehr wichtiger Moment in unser aller Leben gewesen ist. Von überall her sind sie gekommen und haben uns, das Kind und mich, pardon, ich meine natürlich das Kind und meinen Vorfahr, besucht und bestaunt.“
„Du meinst das heilige Kind?“, fragte die Biene, die weit herumkam und viel wusste.
„Wen denn sonst?“, brummte der Maikäfer.
„Diese Geschichte ist uns Bienen bekannt“, surrte die Biene. „Aber von einem Maikäfer erzählt sie nicht.“
„Ha!“ Der Sumsemann sprang auf. „Das ist eine Sache, die meine Familie sehr kränkt. Weil sie uns vergessen hat, die Geschichte. Einfach vergessen. Dabei weiß man nicht, wie sie verlaufen wäre, hätte mein Vorfahr nicht Beistand geleistet.“
„Beistand? Wobei?“
„Beim Einschlafen! Ist doch klar. Er war es, der dem Kind zum Schlafe verhalf mit seinem lieblichen Brummsummen. Viele Schlafliedchen hat er ihm gesummt und das war gut so, kam das arme Kind doch kaum zur Ruhe dort in dem Stall. Viel zu viel war nämlich los mit Maria und Josef, den Hirten, den Schafen und Eseln und Kühen und Kamelen, den Besuchern und Königen. Geschadet hätte der Trubel dem Kind, wäre mein Vorfahr nicht gewesen. Versteht ihr?“
Der Maikäfer blickte sich um. Keiner seiner Zuhörer sagte ein Wort. Im Gegenteil. Sie waren eingeschlafen und brummten und summten und das klang fast wie ein Schnarchen.
„Es funktioniert noch immer“, sagte der Maikäfer, als er auf seine schlafenden Freunde blickte. „Wir Maikäfer sind die besten Brummsummer und wiegen jeden in den Schlaf. Nicht nur das Kind in der Krippe.“

© Elke Bräunling

* Gemeint ist das Märchen “Peterchens Mondfahrt” von Gerdt von Bassewitz


Krippenspiel, Bildquelle © hudsoncrafted/pixabay

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