Archiv für Einschlafgeschichte

Der lilafarbene Drache

Lilafarbene Drachen, die am Abend kommen und statt Feuer Schokolade spucken, sind ganz besondere Drachen

„Ich habe einen Drachen gesehen“, sagt das Kind, das nicht einschlafen will. „Er war lila und hatte rosafarbene Augen.“
„Lila?“, fragt Mama. „Noch nie habe ich einen lilafarbenen Drachen gesehen. Und rosafarbene Augen kenne ich auch nicht.“
„Er hatte einen langen Schwanz“, fügt das Kind hinzu. „Der war grün. Hellgrün. Und geschimmert hat er wie ein Licht mit Funkelsternchen.“
„Der Drache?“, wundert sich Papa.
„Nein. Der Schwanz. Ist doch klar.“
„Ja. Ist klar.“ Papa nickt.
„Und ganz vorne in der Schwanzspitze steckt ein kariertes Herz“, fährt das Kind fort.
„Es steckt da? Mit Nadeln festgeklemmt?“ Mama sieht das Kind ungläubig an. „Uihhh! Das muss ihm aber sehr wehtun, deinem Drachen.“
Das Kind schüttelt den Kopf. „Tut es nicht. Es ist aufgemalt.“
„Kariert?“, fragt der Papa und seine Augen sehen gerade auch ein bisschen kariert aus. Vor lauter Staunen.
Das Kind nickt. „Ja. Mit roten und blauen und grünen und gelben Farben.“
„Aha! Aber wer malt karierte Herzen auf einen lilafarbenen Drachen mit rosa Augen?“ Papa wundert sich noch mehr.
„Der Traummichel“, sagt das Kind.
„Und wer ist nun der Traummichel?“, erkundigt sich Mama.
„Weiß ich nicht. Der sitzt auf dem Drachen und reitet mit ihm durch die Luft.“
„Ach! So ist das!“ Papa nickt. „Und wohin reiten die beiden?“
„Zu mir. Und zu anderen Kindern. Ist doch klar.“
„Ja. Klar. Und warum besuchen sie dich und die anderen Kinder?“
„Weil … weil …“ Das Kind zögert. „Weil die dann besser einschlafen können.“
„Fein“, freut sich Mama. „Dann ist dein Drache ein Einschlafdrache. Aber sag, was macht er, wenn er dich besucht?“
„Er erzählt mir eine Geschichte“, erklärt das Kind. „Oder auch zwei oder drei.“
Mama und Papa nicken.
„Das ist fein“, sagt Mama, und Papa fragt:
„Kann er auch Feuer spucken, der Drache, der mit dem Traummichel kommt?“
Da glänzen die Augen des Kindes. „Und wie!“, ruft es. „Ganz viel Feuer spuckt er, direkt in mein Gesicht, nein, in meinen Mund.“
„Dein Gesicht?“
„Dein Mund?“
Mama und Papa sind erschrocken.
Das Kind aber klatscht vor Vergnügen in die Händen.
„Toll ist das“, sagt es. „Supertoll sogar. Denn eigentlich spukt er kein Feuer. Es … ist Schokolade, die er spuckt. Die schmeckt voll lecker. Und gleich kommt er jetzt auch. Wenn es dunkel ist und ihr …“
„Ja?“, fragt Mama.
„Du meinst, wir sollen jetzt verschwinden und dich in Ruhe lassen?“, erkundigt sich Papa.
Das Kind nickt. „Sonst schlafe ich ja nie ein. Dabei habe ich schon einen sooo großen Schokoladenhunger.“

© Elke Bräunling

 

24. Januar 2018 von Elke
Kategorien: Familiengeschichten, Fantasiereisen, Gutenachtgeschichten, Kindergeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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