Archiv für Weihnachtsgeschichte für Kinder

Adventskalender *24* O Danne, du bist ein edler Zweig

 

24. Kapitel

O Danne, du bist ein edler Zweig

Mit Eifer machten sie sich ans Werk. Sie malten bis in den späten Abend hinein. Die Arbeit machte so viel Spaß, dass ihre Müdigkeit wie weggeblasen war. Sie malten und lachten und sangen Lieder. Von Weihnachten, von Hirten und Engeln und vom Christkindel.
Oh, es war schön bei Meister Egbert! Fast so schön wie Weihnachten.
In der Nacht schliefen sie im Stall. Auf Strohbüscheln.
„Wie die Hirten“, meinte eines der Kinder.
„Und wie Maria und Josef und das Jesuskind“, sagte Mariele.
Stimmt. Wie damals in Bethlehem. Und es war überhaupt nicht kalt in dem Stall. Nein, richtig gemütlich war es.
Eigentlich gar nicht schlecht, so ein Stall, dachte Anna und kuschelte sich an Mariele und Flöckchen.
Schnell war die Nacht vorbei und am frühen Morgen machten sie sich auf den Heimweg. Dieses Mal ging es in einer Schlittenfahrt weit durch das Tal um den Hahnenberg herum. Meister Egbert und Flöckchen saßen auf dem Pferdeschlitten und zogen die lange Kinderschlittenkette hinter sich her.
Die Kinder freuten sich. Auf dem Schlitten sitzen und gemütlich durch das verschneite Land zockeln machte Spaß. Zuerst sangen Anna, Mariele, Frederik und ihre Freunde alle Schnee- und Weihnachtslieder, die sie kannten. Doch je mehr sie sich der Stadt näherten, desto stiller wurden sie. Was würde sie zu Hause erwarten? Ob die Eltern sehr schimpften? Schließlich waren sie einen Tag und eine Nacht weggeblieben!
„Au weia!“, seufzte Frederik. „Das wird Hiebe geben.“
„Oh ja!“, stimmten die Freunde zu. „Und wie!“
Sie konnten sich nicht mehr so recht an der Schlittenfahrt und an ihren selbst verdienten Christkindelsäpfeln freuen, und als sie in die Stadt einfuhren, senkten sie die Köpfe. Nur nichts sehen. Nur nicht gesehen werden.
Doch sie wurden gesehen. Gleich am Stadteingang.
„Hurra!“, jubelte eine Stimme. „Sie sind wieder da. Die Kinder sind da. Dem Herrgott sei gedankt!“
Aus vielen Häusern kamen Leute gerannt. Und alle freuten sich. Hatten sie doch fast alle in der Stadt vor Kummer nicht geschlafen und stundenlang nach den Kindern gesucht!
„Hurra!“ Jubelnd folgten die Leute dem Schlittenzug zur Kirche. Dort saßen die Eltern der Ausreißer. Sie beteten. Und sie hatten rote Augen vor lauter Weinen.
„Die Kinder sind da!“, riefen die Leute.
„Und wir haben Christkindelsäpfel mitgebracht“, riefen die Kinder. „Jetzt wird Weihnachten doch richtig Weihnachten.“
Die Kinder rannten zu ihren Eltern, und die schlossen sie ganz fest in ihre Arme.
Anna war ein bisschen traurig. Es waren keine Elternarme für sie übrig. Sie umarmte Flöckchen. Dann ging sie zur Weihnachtstanne am Kirchenportal und hängte ihre Glasäpfel in die Zweige.
Da kam Mariele zu Anna, nahm ihre Hand und begann zu singen:

„O danne! Du bist ein edler Zweig.
Du grünst Winter und die liebe Sommerzeit.
Du grünst Winter und die liebe sommerzeit.
Wenn alle Blumen dürre sein
So grünet du, edles Dannenbeumelein.
So grünet du, edles Dannenbeumelein.“

Anna war glücklich. Ja, das war Weihnachten. Oh, Weihnachten war schön! Und sie fing nun auch zu singen an:

„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter.
Du grünst nicht nur zur Sommerzeit,
nein, auch im Winter, wenn es schneit.
Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter.“

Sie blickte in den Baum. Schön sah er aus mit den kleinen roten Glasäpfeln. Fehlten nur noch Kerzen. Anna stellte sich gelbe Honigkerzenlichter vor. Hell würden sie flackern und duftig.
Aber was war das? War da nicht auf einmal eine Kerze? Ganz wirklich und echt?
Anna starrte auf die Kerze. Die flackerte ruhig. Hinter einem Fenster. Einem Butzenscheibenfenster. Anna starrte und starrte. Wo war der Weihnachtsbaum geblieben? Wo waren Mariele, Frederik und all die anderen? Ja, und wer rief hier so laut ihren Namen?
„Anna, Flöckchen, hört ihr denn nicht?“
Anna schüttelte sich. Das war doch Papa! Papas Stimme. Ja!?
„Aaaanna!“, rief die Stimme. „Flööööckchen!“
Es war wirklich Papa, und jetzt riss er die Tür auf. „Anna, Flöckchen, seid ihr taub? Oder träumt ihr?“
„Papa, du? Ich denke…“
Da kam Papa ins Zimmer und nahm Anna in die Arme. “Was ist los, Anna?“, fragte er. „Bist du krank? Du guckst so komisch. Ich rufe schon so lange nach dir. Warum antwortest du nicht?“
„Ru-ru-rufen?“, stotterte Anna. „Nach mir? A-a-aber ihr habt doch …“
„Tut mir leid wegen vorhin“, murmelte Papa. „Und auch wegen der beiden Adventskränze. Ich mag keinen Streit mehr haben. Es ist dumm, immerzu zu streiten. Kommt, wir gehen zum Förster! Tannenzweige holen. Wie jedes Jahr.“
„Mama auch?“, fragte Anna vorsichtig.
„Aber ja. Warum nicht?“, rief Mama und trat ins Zimmer.
Anna sah ihre Eltern unsicher an. „Und ihr lasst euch nicht scheiden?“, fragte sie ängstlich.
Die Eltern sahen sich betroffen an. „Scheiden? Wir? Wie kommst du auf diese Idee?“
„Na ja“, murmelte Anna. „Ich dachte. Weil ihr euch dauernd streitet!“
Die lachten Annas Eltern, doch ihr Lachen klang ein bisschen ängstlich.
„Weißt du“, begann Mama, „das ist so: Papa und ich, wir…“
Und dann erzählte sie vom Stress im Büro, von ihrem Kummer wegen Oma und von ihrer Angst wegen der Wohnungskündigung.
„Da ist man manchmal schon nervös und schimpft los“, sagte Mama. „Aber wir haben uns lieb, und das ist wichtig.“
„Ich hab euch auch lieb“, sagte Anna. „Und Flöckchen auch.“
Da nahm Papa Anna, Mama und Flöckchen in die Arme und drückte sie fest an sich.
„Jetzt haben wir auch Elternarme, Flöckchen!“, rief Anna fröhlich.
Da freuten sich Annas Eltern.
„Wir werden das mit den Problemen schon schaffen“, meinte Papa. „Und jetzt gehen wir endlich in den Wald!“
“Und was wird aus den beiden Adventskränzen?“, fragte Anna.
„Die nehmen wir morgen mit ins Büro. Ganz einfach.“
„Ja, ganz einfach“, lachte Anna. „Gehen wir?“
„Gehen wir!“, sagten die Eltern.
„Und sieh nur!“ Mama deutete zum Fenster. „Es schneit. Der erste Schnee.“
„Ich weiß“, sagte Anna. „Es ist lausig kalt. Aber wenn wir die Schuhe mit Stroh ausstopfen und uns warme Tücher umhängen, geht das schon. Und weißt du, Papa, mit Holzschuhen kann man ganz toll schlittern.“
Und weil Papa sie ungläubig ansah, fing Anna an zu singen: „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter…“
Anna war glücklich. Es würde doch noch eine schöne Weihnachtszeit werden. Und nachher, nahm sie sich vor, würde sie ihre Eltern vom Elsass erzählen. Von Mariele und Frederik und Meister Egbert und…
Na, die werden staunen!

So! Anna ist wieder heil zuhause angekommen. Noch lange wird sie darüber nachdenken, ob sie diese Zeitreise wirklich erlebt hat oder ob sie nur ein Traum gewesen war.
Und nun kann Weihnachten beginnen.
Wir hoffen, dass euch diese Geschichte gefallen hat.
(Und wenn ihr euch im nächsten Jahr über eine Fortsetzung der Geschichte und ein Wiedertreffen mit uns freuen würdet, so gebt Bescheid und schreibt es uns in den Kommentaren. Danke!)

Und nun wünschen wir euch allen ein frohes Weihnachtsfest und wundervolle Feiertage.

Eure Anna, Mariele, Frederik und alle anderen aus der Geschichte.
Ja, und Flöckchen natürlich.
Und die „Märchenfrau“, die uns erfunden hat ;)

 

 

© Elke Bräunling

 

 

 

Einen neuen Adventskalender findest du auch hier mit der Geschichte für den 24. Dezembertag:

Der kleine Stern und das helle Licht – 24. Adventstag

24. Dezember 2017 von Elke
Kategorien: Adventskalender, Geschichten für Kinder, Kindergeschichten, Traumgeschichten, Weihnachtsgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

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