Fußballsommer

An den Abenden ist während der Fußballweltmeisterschaft in den Gärten der Siedlung ganz schön was los

Irgendwie ist das Leben im Entenbachviertel fröhlicher in den Wochen, in denen ein großes Fußballfest stattfindet. Irgendwie nämlich sind die Menschen dann netter zueinander. Sie reden mehr miteinander und sie lächeln einander auch öfter zu. Und irgendwie habe sie auch mehr Zeit füreinander. Ein Fußballsommer ist eben ein ganz besonderer Sommer.
Und nun hat endlich Fußballweltmeisterschaft begonnen. Alle Entenbachviertelbewohner sind sehr aufgeregt. Na ja, fast alle. Viel öfter als sonst stehen die Erwachsenen in Grüppchen zusammen und unterhalten sich über die Spiele, das Land Russland und die Fußballfernsehabende. Es wird gewettet und es wird gestritten. Über die Favoriten, die beste Mannschaft, den tollsten Fußballer, den schönsten Wimpel am Auto, die verlorene Wette. Irgendetwas ist immer.
Die Kinder aus dem Entenbachviertel lieben diese Zeit sehr. Wenn sie nicht gerade auf der Siedlungsstraße oder am Bolzplatz Fußball spielen, stehen auch sie in Grüppchen zusammen und debattieren lauthals über die Spiele, Russland und die Fußballfernsehabende. Sie wetteifern um die größte Flagge vor dem Fenster, die seltensten Fußballbildchen fürs Album, das wertvollste Fußballertrikot und die beste Fußballerfrisur. Hoch geht es da immer her!
So auch an diesem Abend. Besonders interessante Mannschaften sind heute und morgen mit ihren Spielen an der Reihe. Es ist so spannend, dass man sich nur schwer für eine Lieblingsmannschaft zum Wetten, Mitzittern und Daumen drücken entscheiden kann.
„Deutschland! Deutschland!“, ruft es plötzlich aus dem Fenster des Hauses 18b.
„Jawohl! Deutschland! Deutschland!“, hallt es aus aus der 7a zurück.
Wie ein Echo ertönt es nun aus vielen Gärten: „Deutschland! Deutschland! Weltmeister!“
Mal laut, mal leise wabert dieses „Deutschland! Deutschland! Weltmeister!“ durch die Straßen und Gärten, es zieht zwischen den Häusern zur nächsten Straße und weiter, immer weiter in den frühen Sommerabend hinaus.
„Deutschland! Deutschland! Weltmeister!“
„Frankreich“, ruft da eine junge Männerstimme. „Frankreich! Weltmeister!“
Psssst! Still ist es für einen Moment im Entenbachviertel geworden. Fast unheilvoll still. Tanzte da einer aus der Reihe? Was soll man sagen?
Ein neue Stimme ist zu hören. „England! England! God save the Queen!“ Eine ältere Damenstimme ist’s, die diesen Ruf in die Entenbachviertelwelt hinausschickt.
„Brasilien! Brasilien wird Weltmeister! Brasilien!“ Das ist Salvatori, der Opa aus Haus Nummer 14.
„Nein! Portugal!“
„Nein! Deutschland!“, tönt eine Kinderstimme. „Hört ihr? Deutschland! Deutschland! Weltmeister!“
Und wieder wabert für eine Weile dieses „Deutschland! Deutschland! Weltmeister!“ durchs Viertel.
Ein Auto passiert die Entenbachstraße. Es ist ein fremdes Auto und eine Stimme brüllt aus dem Autofenster. „Kroatien“ Ein lautes, freches „Kroatien wird Weltmeister! Hört ihr es, ihr Anfänger?“
Wieder herrscht Schweigen. Unverschämtheit aber auch!
„Sie könnten es schaffen!“, ruft ein Entenbachviertelbewohner.
„Warum auch nicht? Jeder kann gewinnen.“
„Logisch!“
„Aber wir können ein bisschen besser gewinnen. „Deutschland! Deutschland! Weltmeister! Hört ihr?
„Jawohl! Deutschland! Deutschland! Weltmeister!“
Von rechts aus Haus Nummer vier erklingt verstärkend eine Tröte, von links stimmt eine Posaune mit ein, und nun holen die Entenbachviertelkinder ihre Flöten, Pfeifen, Tröten, Vuvuzelas und dann pfeifen und blasen und tröten und singen und schreien und jubeln sie laut und immer lauter. Ein fröhlicher, sehr schräg klingender Entenbachviertel-Fußballstimmenchor.
„Deutschland! Deutschland! Weltmeister!“
Dann schlägt die Kirchturmuhr acht!
Achtung! Gleich geht’s los. Schnell verschwinden alle in ihren Wohnstuben. Fernseher anschalten! Chipstüte öffnen! Gläser füllen! Füße hochlegen! Fußball gucken!
In den Gärten kehrt Ruhe ein.
„Endlich!“, flüstert die Katze aus Haus 10a ihrem Freundfeind Bruno, dem Neufundländer aus 10b, zu.
„Endlich!“, singen die Amseln, Spatzen, Meisen, Finke und Schwalben in den Bäumen und Hausdächern und die Grillen zirpen lauthals ihr Sommerlied dazu. „Sommer … Sommer … Sommer …“
„Stimmt genau!“, sagt Oma Frieda, die mit Fußball nichts am Hut hat und den Abend auf der Gartenbank genießt. „Der Sommer ist Weltmeister! Wer sonst?“

© Elke Bräunling

Hier wird Fußball gespielt (oder das Fußballspielen „spielt“ eine Rolle):

Drei zu zwei für Laura
Vom Gewinnen und Verlieren
Fußball-Ombu und die neue Heimat
Fußballfieber
Fußballer joggen auch und Sport ist Mord
Sommerträume und Fußball
Fußballsommer
Sonntagsausflug oder Fußballspiel
Schrei nicht so laut!
Max und der Glückskäfer
Mirkos erster Freund
Das allerschönste Spiel auf der Welt
Pit und der Zauberbesen
Supermarkt oder Fußballwiese
Fußball mit Sahnehäubchen
Fußballsommer im Park
Opas Fußballwette und der Besuch von Cousine Erna
Der Fußball, die Liebe und die bunten Erinnerungen – Erzählung für Senioren

Über Elke

Elke Bräunling, Autorin

07. Juni 2018 von Elke
Kategorien: Kindergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Pingback: Der Ball auf der Parkwiese - Geschichtensammlung

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


Ich freue mich uns sehr über jeden Kommentar. Mit der Nutzung dieses Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.