Tanz, Mariechen, tanze!

Uroma war mal Tanzmariechen, doch das hat sie nie jemandem in der Familie erzählt

„Tanz, Mariechen, tanze, durch die ganze Nacht. Tanz, Mariechen, tanze bis morgen um halb acht. Wenn es tanzen, tanzen kann, fängt das Fest der Farben an. Wenn es tanzen, tanzen kann, fängt die Freude an….“
Als wir heute aus der Stadt heimkamen, hörten wir von der Küche her ein Singen. Jemand sang dieses eigenartige Lied und irgendwie klang diese lustige Stimme nach Uroma Marie, aber wirklich nur irgendwie. Denn noch nie hatte uns Uroma Marie ein Lied vorgesungen und diese fröhliche Stimme konnte unmöglich die ihre sein. Die kannten wir nämlich nur ernst oder klagend oder mürrisch oder alles zusammen. Komisch.
Vorsichtig schlichen wir durch den Flur bis zur Küchentür und linsten durch den Türspalt. Wow! Es war doch unsere Urgroßmutter, die da vor der Küchenspüle herum tänzelte. Ganz witzige Figuren machte sie dabei. Und sie sang. Echt wahr.
„Sie hat doch gesagt, sie sei krank und könne heute nicht aufstehen!“, raunte mir meine Schwester Maja zu.
Das stimmte. Mama hatte ihr das Frühstück ans Bett gebracht und Uroma Marie hatte sich lauthals beschwert. Über alles. Das Wetter, das Altwerden, das Gliederreißen, den Winter und den nervigen Fastnachtsrummel. Ganz deutlich hatte ich es gehört.
„Sie sagt immer, sie könne nicht richtig laufen und nun tanzt sie“, flüsterte ich zurück. „Und Singen sei albern. Das sagt sie auch immer.“
„Hihi! Kann sie wohl! Sieht man doch. Niedlich sieht es aus, ihr Tanzen.“
Stimmt. Niedlich und fröhlich. Es war eine Uroma Marie, die mir besser gefiel als die, die wir sonst kannten. Sie sang und tanzte so gut, dass wir am liebsten mitgetanzt hätten. Schade, dass sie nicht wissen durfte, dass wir sie gerade belauschten.
„Psst! Sei leise! Sie feiert Fastnacht. Soll sie Spaß haben!“, sagte ich.
Maja flüsterte. „Wo sie den sonst doch irgendwo unter ihrem Bett versteckt hält oder so“, meinte sie trocken.
Und leise verließen wir wieder das Haus und trieben uns noch eine Weile draußen herum.
Als wir später mit lautem Gepolter zurückkehrten, saß Uroma Marie mit einem sehr ernsten und sehr leidenden Gesicht in der Küche auf ihrem Stuhl neben der Heizung.
„Dass von euch auch mal einer nach Hause kommt!“, klagte sie. „Man könnte meinen, ihr habt eure alte, kranke Großmutter vergessen und …“
Sie kam nicht weiter, denn nun mussten wir doch lachen. Hier ernst zu bleiben, wäre wirklich zu viel gewesen. Und irgendwie fand sie das wohl auch, denn sie lachte dann mit. Laut und fröhlich und gar nicht alt und leidend. Später beim Abendessen erzählte sie uns von damals kurz nach dem Krieg, als sie im Dorfsaal bei Fastnachtsfesten als Tanzmariechen auf der Bühne sehr viel Spaß gehabt hatte, und das war echt spannend.

© Elke Bräunling

funkenmariechen-von-muschelfinderin

Auch die liebe Muschelfinderin hat heute ein Bild zum Thema „Funkenmariechen“ gemalt, und das träumt sich eigentlich gerade lieber weit weg vom Karneval.
© Muschelfinderin vom Blog „Mein Name ist Keki“

 

 

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Über Elke

Elke Bräunling, Autorin

25. Februar 2017 von Elke
Kategorien: Alte Zeiten, Erinnerungen, Familiengeschichten, Kindergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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