Ein Königreich für einen Sonnenstrahl

Ein Sonnenstrahl besucht den wolkengrauen Wintertag

„Nanu?“, sagte der kleine Sonnenstrahl an einem düsteren, wolkenverhangenen Spätwintertag. „Hat mich da gerade jemand gerufen? Mir dünkt, ich höre eine Stimme. Eine Menschenstimme. Oder habe ich dies nur geträumt?“
Er blinzelte, um wach zu werden nach dem langen Schlaf der letzten beiden Regenwochen. Dann schob er sich durch einen Spalt zwischen zwei dicken Wolken hindurch und spähte hinunter zu der kleinen Stadt. Er lauschte.
„Da! Ich höre es wieder. ‚Sonne!’, ruft jemand. ‚Ein Königreich für einen Sonnenstrahl’.“
Ein Königreich? Darunter konnte sich der kleine Sonnenstrahl wenig vorstellen. Es klang nach einem Hilferuf. Oder?
„Hm!“, murmelte er. „Es scheint sich jemand nach mir zu sehnen. Hm! Hm! Ich muss etwas unternehmen. Niemand, der nach mir ruft, soll ohne Antwort bleiben. Ich muss meine Pflicht als Sonnenstrahl tun. Strahlen nämlich.“
Und er beschloss, dem Land dort unten einen Besuch abzustatten.
Vorsichtig schob er sich durch den Grauhimmel und folgte der Stimme, die nach ihm und jenem unbekannten Königreich gerufen hatte. Er landete in einer Stadt. Grau war es hier und nass und kalt.
„Traurig ist die Welt im Winter“, brummte er. „Traurig und dunkel. Gleich wenn ich zurückkomme, werde ich meiner Familie davon berichten. Ich denke, wir sollten unseren Winterschlaf künftig etwas öfter unterbrechen. Was soll sonst aus den Menschen werden ohne uns?“
Er hielt inne, lauschte.
„Wo soll ich suchen? Wer hat mich gerufen? Hallo! Hier bin ich. Hier!“
Da, das große, hohe Haus mit den vielen Fenstern. Von dort her glaubte er, die Menschenstimme zu hören.
„So viele Fenster“, murmelte er. „So viel Dunkelheit.“
Er beschloss, jedes Fenster für ein kurzes Weilchen zu besuchen.
„Aber ich muss mich beeilen. Viel Zeit habe ich nicht. Wenn die Wolkenschwestern dort oben einander wieder umarmen, muss ich zurück an meinem Platz sein. Das ist Himmelsgesetz.“
Und so hüpfte der kleine Sonnenstrahl an diesem Nachmittag nur kurz und schnell mit vielen hellen Blinkern von einem Fenster zum anderen und zauberte für ein paar Minuten kleine, fröhliche Winterfreuden an die Fensterscheiben. Und in diesen paar Minuten sah das Haus nun fast wie ein funkelndes Königsschloss aus.
Und da, plötzlich, hörte er sie wieder, die Stimme.
„Danke, kleiner Sonnenstrahl“, rief sie. „Dankeschön.“
„Bitteschön. Gern geschehen“, antwortete der kleine Sonnenstrahl.
Und eilig machte er sich wieder auf dem Weg zurück in sein Winterbett hinter den Wolken.

© Elke Bräunling

 

Begleitend zu diesem Winterwettermärchen findet du hier eine Fantasiereise:  Der Tanz des kleinen Wintersonnenstrahls

Sonnenstrahlen gesucht!, Bildquelle © jplenio/pixabay

 

 

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