Vom Winter, der kein Winter war

Winterwettermärchen – Von Wolken, warmer Luft und einem Winter ohne Schnee und Eis

Es war einmal ein Winter, in dem gab es keinen Schnee und kein Eis. Die Luft war warm und feucht und die Regenwolken versperrten den Sonnenstrahlen den Weg zur Erde. Sie machten das Leben unter dieser Wolkendecke grau und trostlos. Und so fühlten sich auch die Menschen, die Tiere und Pflanzen.
„Wenn nur dieser Winter, der kein Winter ist, bald vorüber ginge!“, klagten die Menschen. „Der Frühling soll kommen. Die Sonne soll er mitbringen und viel Licht. Einen neuen Anfang wünschen wir uns.“
Auch die Tiere waren unzufrieden und müde. Ihr Winterschlaf war sehr unruhig gewesen und ihr Fell oder Panzer oder Federkleid fühlte sich schwer an und feucht. Den Pflanzen und Gräser und Bäume ging es ebenfalls nicht gut. Nass, schlammbraun und faulig hoben sie ihre Äste, Halme und Blattstiele himmelwärts auf der Suche nach Licht und Wärme. Überall im Land sah es nass und traurig aus und eine feuchte Dunkelheit lag wie eine traurige Haube über den Städten und Dörfern, den Feldern, Wiesen, Weinbergen und Wäldern.
„So kann es nicht weitergehen“, sagte die Sonne eines Tages. „Rückt zur Seite, Wolken! Das Land braucht mein Licht.“
„Es ist unser Winter!“, antworteten die Wolken. Sie genossen es sehr, einmal alleine über Himmel und Land zu herrschen.
„Und was macht ihr daraus?“, fragte die Sonne. „Ich sehe nur eine traurige Traurigkeit.“
„Eine traurige Traurigkeit?“ Die Wolken erschraken. „Das wollten wir nicht. Erfreuen wollen wir alle dort unten im Land mit einem Winter ohne Kälte, Eis und Schnee. Sag, Sonne, bringen wir denn keine Freude?“
Sie fragten es so kläglich, dass die Sonne nicht mehr ärgerlich über die Eigenmacht der Wolken sein konnte.
„Vielleicht“, meinte sie vorsichtig, „übertreibt ihr es mit eurer Wolkenarbeit ein bisschen?“
„Oh! Oh! Wie können wir das wieder gutmachen? Die Menschen, Tiere und Pflanzen, meinst du, sie werden uns hassen?“
„Aber nein“, tröstete die Sonne. „Es ist nur an der Zeit, diesem Winter eine neue Zeit zu bringen. Eine helle, freundliche, fröhliche. Mit viel Licht und …“
„Aber ohne Eis und Frost und Schnee“, riefen die Wolken. „Das haben wir versprochen.“
„Und wie wäre es dann mit einem frühen Frühling?“, schlug die Sonne vor.
„Ein früher Frühling?“, fragten die Wolken. Fast hätte ihnen diese Idee gefallen.
„Kommt nicht in Frage“, polterte da der große Wolkenvater, der sich nur selten mit Gewittergüssen zu Wort meldete. „Wir haben eine gute Arbeit gemacht und wir werden unser Werk auch zu Ende führen. Komm in vier oder fünf Wochen wieder, Sonne! Dann können wir über einen Zeitenwechsel reden.“
„Aber…“, meinte die Sonne.
„Aber…“, riefen auch die Wolken.
„Unsinn!“, brüllte da der Sturm, der sich nicht mehr zurückhalten konnte. „Wir gehören alle zum Winter. Sonne, Wolken, Stürme und Winde. Wir alle haben unsere Jobs zu tun und nun bin ich an der Reihe. Macht euch gefälligst vom Acker, ihr nassen Trübsinnsvögel!“
Und ehe die Wolken protestieren konnte, hatte er schon seine Backen aufgeblasen und blies fest mitten in die dicken Wolkenberge hinein. Und – pfffft – zauberte er eine Schäfchenwolkenherde an den Himmel.
Schnell umarmten viele klitzekleiner Sonnenstrahlen jedes einzelne Wölkchen mit hellem Strahlenlicht. Weil sie es aber zu gut meinten, gaben sie zu viel von ihrem Licht und die Wölkchen färbten sich rosarot.
Toll sah das aus! Und aufregend schön. Die Menschen starrten zum Himmel und staunten. Rosarote Schäfchenwolken zu dieser Jahreszeit? Das hatte man noch nie gesehen. Was war das aber auch für ein seltsamer Winter!

© Elke Bräunling


Winterwolkentag, Bildquelle © jplenio/pixabay