Die Zeit des kleinen Sommers

Er hat es nicht immer einfach, der Sommer im Juni

„Es ist Sommer“, sagte der kleine Sommer, der eigentlich Juni hieß, „und ich bin jetzt da. Oh, ich freue mich so sehr, hier im Land wieder wohl angekommen zu sein.“
„Hach ja. Du wieder!“ Juli und August schmunzelten.
„Werde du erst mal groß“, sagte der Juli.
„Und erwachsen“, ergänzte der August.
„Entdecke die Stunden und Tage deiner Zeit“, sagte der Juli.
Der August nickte. „Und lerne das Leben kennen, so wie es ist, und …“ Er überlegte seine nächsten Worte lange. Das Alter hatte ihn weise und bedächtig werden lassen.
„Und lerne vor allem das, was ein Junisommerleben bedeutet und wie es sein sollte“, fuhr der Juli an seiner Stelle fort.
„Leben? Bedeutet? Sein sollte?“ Ratlos blickte der Juni seine Monatskollegen an. „Was wird bloß alles von mir erwartet? Ich … ich wollte doch nur …“
Er kam nicht weiter. Der Juli hatte bereits wieder das Wort ergriffen.
„Beachte das Wetter und die Launen der Natur! Lerne zu schätzen, was sich dir darbietet.“
„Folge dem Rat der Bäume und Büsche, der Blumen, Kräuter und Gräser!“, fügte der August hinzu.
„Und lausche dem Ruf der Tiere zu Wasser und zu Lande!“, rief der Juli und seine Stimme klang aufgeregter nun. „Oh, es ist so viel zu tun auf der Erde in deiner frühen Sommerzeit.“
„Wie wahr.“ Wieder nickte der August. „Und vergiss vor allem die Menschen nicht. Blicke in ihre Augen! Die müssen glänzen, wenn du ihre Lebensfreude und ihr Menschenglück sehen möchtest. Und lausche ihren Worten, ihrem Singen, ihrem Lachen.“
„Achte vor allem auf die Stimmen der Kinder“, rief der Juli. „Die Kinder, hörst du? Sie sind wichtig.“
„Und die Sonne, der Mond und die Sterne“, erinnerte der August. „Übersehe nicht ihre Zeichen. „Sie …“
„Und …“
Und Juli und August redeten und redeten und fanden immer noch mehr Ratschläge für den armen kleinen Sommer, den die Menschen Juni nannten.
Der heulte auf.
„Schweigt!“, rief er. „Haltet ein mit euren Ratschlägen! Es ist mein Leben und ich will es leben nach meiner Melodie. Ich will es fühlen mit meinen Sinnen. Mit meinen Augen will ich es sehen und mit meinen Ohren hören, mit meiner Haut möchte ich es spüren und mit meiner Nase riechen. Wie in jedem Jahr werde ich das Leben auch dieses Mal leben lernen, und wenn ich Fehler mache, so gehören sie ebenso zu mir wie Gewitterstürme und Sonnenzeiten, Kühltage und Warmzeiten zu meinem Monat gehören. Hört ihr? Und …“
Der Juni sagte noch viel und seine Kollegen, der hitzige Juli und der bedächtige August schwiegen.
„‚Kühltage‘ und ‚Warmzeiten‘“, diese Worte sind Fehlerworte. Sie gibt es nicht in der Menschensprache“, brummte der August nur, doch er brummte es so leise, dass man es fast nicht zu hören vermochte. Und das war auch gut so.

© Elke Bräunling

FullSizeRender„Juniland“

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

25. Juni 2015 von Elke
Kategorien: Naturgeschichten, Sommergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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