Du bist ein Nachttier, kleine Waldmaus

Tiermärchen – Viele Tiere sind nachts unterwegs, auch Mäuse und Igel

Sehr warm war es in den letzte Tagen im Wald gewesen. So warm, dass die kleine Waldmaus keine Lust gehabt hatte, sich ihre Nahrung tagsüber in den Stunden der Sonne zu suchen.
„Wir sind Nachttiere, kleine Maus“, sagte Opa Maus. „Nutze die Zeiten der Nacht!“
„Ich bin ein Nachttier?“, fragte die kleine Maus. Dieser Gedanke gefiel ihr nicht so sehr, denn viele ihrer Freunde im Wald und auf der Wiese waren nur am Tage unterwegs.
„Die Nacht birgt viele Schatten und man muss fast immer alleine sein“, sagte sie.
Da musste Opa Maus lachen. „Gehe mit wachsamer Nase, offenen Augen und gespitzten Ohren durch die Nacht! Du wirst staunen.“
„Warum?“, fragte die kleine Maus. „Und worüber werde ich staunen?“
„Das musst du selbst herausfinden. Die Nacht will erobert sein“, antwortete Opa Maus. „Aber pass gut auf, kleine Maus! Auch unsere Feinde lieben die dunklen Stunden und sie haben wachsame Nasen, Augen und Ohren.“
Hm. Das hatte sich die kleine Maus schon gedacht. Im Dunkel musste man noch achtsamer sein und noch mehr aufpassen. Klare Sache. Am besten, man entfernte sich nicht zu weit von der sicheren Höhle. Was aber sollte man tun, wenn die besten Freunde nur am Tag unterwegs waren oder weiter weg auf der Waldwiese wohnten? Alleine durchs Dunkel zur Wiese gehen? Dieser Gedanke gefiel der kleinen Maus nicht.
„Der kleine Igel“, fiel ihr ein. „Er ist ein Nachttier wie ich. Wo steckt er eigentlich?“
Schon länger hatte sie ihren Freund nicht mehr gesehen. Bestimmt hielt er sich ganz in der Nähe des Mausebaues auf. Aber sie traf ihn nur, wenn er Lust zu einem Schwätzchen hatte. Diese Lust hatte er nicht oft. Igel waren nämlich Einzelgänger, die sich nur mit sich alleine wohl fühlten. Auch der kleine Igel redete am liebsten nur mit sich selbst und am allerliebsten war er in den Nächten alleine unterwegs.
„Freunde können anstrengend sein“, sagte er manchmal. Dabei machte er ein so knurriges Gesicht, dass man meinen konnte, er sei schlecht gelaunt. Dann wagte es keines der Waldtiere, ihm zu begegnen und ihn gar anzusprechen.
So war das mit den Igeln.
Die kleine Waldmaus aber fürchtete sich nicht vor den Launen ihres Igelfreundes. Und der liebte auch die kleine Maus über alles. Das war nicht ganz so üblich, denn Igel jagten des Nachts sehr gerne und manchmal, hatte Opa Maus gewarnt, jagten sie auch Waldmäuse. Aber nicht so der kleine Igel.
„Ich mag kleine Waldmäuse“, sagte er immer. „Und am allerliebsten mag ich dich. Du bist meine größte und liebste Mausemaus.“
Daran musste die kleine Waldmaus nun denken, als sie sich am Ende dieses heißen Sommertages auf die Suche nach Futter und nach ihrem Igelfreund machte. Bestimmt würde er sich auch freuen, in dieser lauen Nacht nicht alleine sein zu müssen. Ganz bestimmt. Oder?

© Elke Bräunling


Kleine Waldmaus, Bildquelle © Alexas_Fotos/pixabay