Die kleine Waldmaus und das große Winken

Kindergeschichte zu Coronazeiten – Vom Verzichten aufs Spielen mit Freunden und vom Aufpassen aufeinander

Alleine steht die kleine Waldmaus auf die Waldwiese. Dort ist es sehr still heute. So still, wie es auch in den letzten Tagen schon gewesen ist. Nur ab und hört man ein Rascheln im Gras, ein Flügelschlagen oder ein Knacken im Gebüsch.
Die kleine Waldmaus lächelt. Sie weiß Bescheid. All ihre Freunde sind nämlich auch da, jeder ein paar Schritte vom anderen entfernt.
„Hallo!“, ruft sie. Dann winkt sie mit beiden Armen. „Seht ihr mich? Und hört ihr mich? Ich bin da und will euch sagen, dass ich euch vermisse.“
Da raschelt es noch mehr ringsum und die kleine Waldmaus weiß, dass die Freunde, die Waldmäuse, der Hamster, der Igel, das Eichhörnchen, die Kaninchen, Käfer und Schmetterlinge nun auch winken. Zu ihr herüber. Für sie.
Gut fühlt sich das an und die kleine Waldmaus fühlt sich glücklich nun.
„Nicht jeder hat so viele gute Freunde, die winken können“, murmelt sie. „Und das werde ich ihnen auch sagen, wenn wir uns wieder treffen dürfen. Aber wann wird das sein?“
Sie macht einen tiefen Seufzer. So gerne würde sie die Freunde umarmen und mit ihnen spielen, doch jeder weiß, dass es in diesen Tagen gefährlich ist, einander von nahem zu begegnen oder gar zu berühren. Ganz genau hat Opa Maus ihr dies erklärt. Ein Ungeheuer, hat er gesagt, schleicht sich gerade durch die Wälder. Es ist ein gemeines Ding, das kein Tier sehen kann und es ist nah und überall da, wo sich Tiere treffen. Weil es nämlich Freude daran hat, alle zu umarmen.
„Warum?“, hat die kleine Maus gefragt. „Ist dieses Umarmen denn eine böse Sache?“
„Dieses Mal ja.“ Mit ernster Miene hat Opa Maus sie angeblickt. „Allen, die ihm zu nahe kommen, schickt dieses unsichtbare Ding nämlich eine böse Krankheit. Die kann man nicht sehen, aber sie ist da und krabbelt weiter von Tier zu Tier und fügt besonders den alten Tieren große Schmerzen zu.“
Das hat die kleine Maus sehr erschreckt. Und sie hat Angst bekommen. „Bist du ein altes Tier, Opa Maus?“, hat sie gefragt. Und Opa Maus hat genickt und geantwortet:
„Ein sehr alter Mauseopa bin ich und deshalb muss ich gut aufpassen, dass das Ungeheuer diese Krankheit nicht zu mir schicken kann.“
„Dann musst du zuhause bleiben und dich verstecken“, hat die kleine Maus vorgeschlagen.
„Stimmt.“ Opa Maus hat wieder genickt. „Aber was passiert, wenn dann eine kleine Maus nach Hause kommt und mich ansteckt, weil sie zuvor bei ihren Freunden gewesen ist? Was, wenn das Ungeheuer diese zuvor schon umarmt hat und die kleine Maus nun diese Krankheit weiter trägt?“
„Dann…. dann …“, hat die kleine Waldmaus gesagt. „Dann darf ich meine Freunde nicht mehr treffen, damit wir alle gesund bleiben.“
„Richtig“, hat Opa Maus gesagt und die kleine Waldmaus hat tapfer vorgeschlagen:
„Dann machen wir das so. Ich werde nicht mehr zu den anderen Tieren auf die Wiese gehen. Nur alleine werde ich dort vorbeischauen und …“ Sie überlegt. „Und ihnen zuwinken, damit sie sehen, dass ich an sie denke. Das darf ich doch tun, oder?“
Da hat Opa Maus gelächelt. „Das Winken kann uns keiner verbieten.“
Daran denkt die kleine Waldmaus nun und sie winkt nochmal zu allen Seiten.
„Morgen komme ich wieder, damit wir uns zuwinken können“, ruft sie. „Und ich freue mich, wenn dieses kranke Ungeheuer verschwunden ist und wir wieder miteinander reden und spielen und Spaß haben werden. Freut ihr euch auch?“

© Elke Bräunling


Hallo, kleine Maus, Bildquelle © RolandKuck/pixabay