Pit und die Flussreise

Traumreise an einem langweiligen Tag – Ob der Bach hinterm Haus ins Meer fließen wird

Pit ist traurig. Seit einigen Wochen schon ist die Schule geschlossen und der Unterricht findet zuhause statt mit Mama am Küchentisch. Erst ist das lustig gewesen, aber schnell hat Pit erkannt, dass das Lernen in der Schule viel mehr Spaß macht. Und dass er seine Klassenkameraden und Freunde sehr vermisst. Die darf er nämlich genau so wenig treffen wie er in die Schule gehen darf.
„Und all das wegen einem doofen Virus und weil alle Angst haben, krank zu werden“, mault er nun und weil er sich gerade mit Mama wegen der Rechenhausaufgaben ein bisschen gestritten hat, schleicht er sich hinaus durch das hintere Gartentor. Zum Kopf auslüften. Und zum Finden anderer Bilder, die nicht nur zuhause und im Garten zu finden sind.
Wie immer, wenn er seine Ruhe haben möchte, geht er über die Wiese zum Bach hinüber und setzt sich ans Ufer. Er atmet tief durch und sieht sich um. Schön ist es hier. Und still. Und normal wie immer. Hier muss man nicht ständig an diesen Virus und diese gemeine Zeit denken.
Pit blickt aufs Wasser, das leise talwärts plätschert. Es macht Spaß, den Wellen zuzusehen, wie sie von Stein zu Stein tru­deln und sich um die Biegungen schlängeln.
Da kommt ein Blatt angeschwommen. Es hüpft auf den Wellenkäm­men auf und ab, taucht unter, trudelt wieder auf und schwimmt weiter.
„Wo wird es wohl landen?“, überlegt Pit. „In der nächsten Kurve? Oder am See? Vielleicht schwimmt es in den Fluss oder bis zum Meer? Oh, was für ein Glück es hat!“
Er blickt dem Blatt hinterher und stellt sich vor, er säße mitten darauf und segelte gemütlich durch das Land.
„Zuerst“, überlegt er, „würden wir die Wiese entlang ziehen bis zum Stausee, dann …“
Aber was ist das? Pit glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Wie durch ein Wunder sitzt er nun ja wirklich auf dem Blatt und schippert auf den Wellen talwärts.
„Jippiie! Das macht Spaß!“, ruft er und freut sich.
Unterwegs ist einiges los. Kinder bauen einen Damm, am Ufer wird Federball gespielt und überall erklingt Lachen.
„Seht, da sitzt einer auf einem Blatt“, ruft ein Kind.
Pit duckt sich, rudert mit den Armen im Wasser, und schnell sind sie an der Wiese vorbei. Sie kommen zum Stausee. Pit legt sich auf das Blatt und streckt sein Gesicht der Sonne entgegen. Es ist gemütlich, so dazuliegen. Das Blatt schaukelt leicht im Wasser. Es fühlt sich an wie ein Streicheln. Auf einmal aber bäumt es sich wie wild auf. Es macht einen Satz, kippt vorne über und kugelt den Wasserfall am Wehr hinunter. Nur mit Mühe kann sich Pit am Blattrand festhalten. Doch da sind sie auch schon unten. In wilder Fahrt geht es jetzt talabwärts an Dörfern vorbei durch die Stadt zum Fluss. Pit seufzt erleichtert auf.
„Hier wird es bestimmt ruhiger“, sagt er zu dem Blatt. „Wir müssen nur aufpassen, dass wir den Schiffen nicht zu nahe kommen!“
Das tun sie auch, Pit und das Blatt. Gemächlich reiten sie auf weiten Wellen den Fluss hinab. Sie kommen durch viele fremde Landschaften: enge Felstäler und breite Flussauen, Kornfelder und Viehweiden, hübsche Dörfer und hässliche Industriegebiete. Immer gibt es etwas zu sehen. Der Fluss wird auf seinem Weg zum Meer breit und breiter. Bald kann Pit das Meer riechen. Er schnuppert. Es riecht salzig. Möwenschwärme fliegen krei­schend über ihn hinweg.
„Was nun?“ fragt Pit das Blatt. „Sollen wir an Land gehen? Eine Fahrt übers Meer aber wäre auch nicht schlecht.“
Das Blatt schaukelt zur Antwort fröhlich hin und her. Es klingt wie: „Meer, Meer, Meer…“
Pit überlegt. „Du hast recht“, ruft er. „Ich möchte fremde Länder kennenlernen!“
Das Blatt macht einen Hopser, und – schwupp – springt es auf einen besonders hohen Wellenkamm, der sie aufs Meer hinausträgt. Bald ist die Küste hinter ihnen verschwunden. Die See ist ruhig. Das Wasser schimmert tiefblau, und am Horizont kann man nicht erkennen, wo das Wasser endet und wo der Himmel beginnt.
Pit legt sich auf dem Blatt zurecht und lässt sich von den Wellen forttragen. Er schließt die Augen und träumt sich nach irgendwohin…!
Wo er wohl landen wird? In Amerika, in Grön­land oder vielleicht auf einer Insel wie Robinson Crusoe? Vielleicht würde er eine neue Welt entdecken? Eine Abenteuerttraumwelt?

© Elke Bräunling


Spiel am Bach, Bildquelle © StockSnap/pixabay