Das Märchen vom zaudernden Monat September

Septembergeschichte – Manchmal hat es der September nicht eilig

Der Sommer ist zu Ende, sagt der Kalender. Das schöne Sommerwetter aber ist geblieben und der Monat September wagt es nicht so recht, den August abzulösen. Er ist schüchtern, irgendwie, und das ist ja auch kein Wunder. Alle Register seines Könnens hatte sein Vorgänger, der großartige Sommermonat August, gezogen, um den Menschen, den Tieren und Pflanzen mit wundervollem Wetter und prächtigen Früchten zu gefallen. Seine Zeit machte es ihm auch leicht. Nicht so ist’s für den September, leitet er doch den Herbst ein und mit ihm die kommende kühle und dunkle Zeit. Ist es da ein Wunder, dass man ihn nicht so freudig begrüßt wie die Frühlings- und Sommermonate?

„Ob ich schon gehen soll?“
Zögernd sah der September auf das Land hinab. Sommerlich warm war es und die Menschen machten nicht den Eindruck, als sehnten sie den Herbst herbei.
„Bestimmt komme ich zu früh“, murmelte er. „Sie werden wütend sein da unten.“
Er lugte zu der Stadt hinunter.
„Da! Sie vergnügen sich im Schwimmbad und auf Volksfesten, sie genießen die Tage in Straßencafes und Parks, auf den Stoppelfeldern lassen Kinder Drachen steigen und in den Gärten herrscht bunte Sommerstimmung. Mein Kollege, der August, macht keine Anstalten, das Monatszepter abzugeben. Nein, er verwöhnt das Land mit einer großen Extraportion ‚Sommer‘. Ich glaube, ich werde noch ein wenig warten und …“
„Auf keinen Fall“, fuhr der Oktober ihn an. „Unsere Herbstzeit bricht an und einer deiner Jobs ist es, den August, diesen Machtprotz, in die Schranken zu verweisen. Immer macht er Ärger und weicht nicht von der Stelle. Er bringt unsere Zeitpläne durcheinander.“
„Das stimmt“, warf der sonst so stille und friedliche November erregt ein. „Leben und leben lassen. Das gilt für jeden von uns. Die Lebenszeit des Sommers ist für dieses Jahr beendet. Auch wir Herbstmonate haben unsere Reize. Selbst wenn uns die Menschen nicht so freudig begrüßen wie die Kollegen von Frühling, Sommer und Winter.“
Kläglich sah der September seine beide Herbstkollegen an. „Ihr habt recht. Nur … nur bin ich es, der als erster dem Groll der Menschen begegnet.“ Fast weinte er nun. „Das macht mich immer sooo unglücklich!“
„September kann auch schön sein“, tröstete der Februar. „Wenn es ein lachender September ist.“
„Und sagen nicht auch viele Leute, du seiest der ‚Mai des Herbstes‘?“, fragte der Mai. „Als Kompliment solltest du dies auffassen!“
„Wie hübsch das klingt. Und wie passend!“ Aufmunternd nickte der Dezember dem September zu. „Sie werden schnell begreifen, wie anmutig und lebenswert und wie schön du bist. Zeige es ihnen!“
„Ja“, riefen alle Monate einstimmig. „Zeige es ihnen. Nur Mut!“
Der September nickte. Dann zog er los. Zaghaft schlich er sich ins Land und überzog es mit Abermillionen von silbern schimmernden Altweibersommerglitzerfäden und sanften, zartrosa gefärbten Talnebelschleiern. Er bemalte die ersten Spitzen der Blätter mit gelben und roten Streifen und streute sein Zauberpulver über die Blumen, die ihm dies mit kräftigen, satten blauen, violetten, gelben, rostbraunen und tiefroten Farben dankten.
„Und wie in jedem Jahr kam der Tag, an dem ein Mensch „Ich habe ganz vergessen, wie zauberschön der September ist!“ sagte und wie viele seiner Zuhörer zustimmend nickten. Das war dann auch der Tag, an dem der September lächelnd aufatmete und der August beschämt das Feld räumte.

© Elke Bräunling

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Bildquelle © Couleur/pixabay

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