Der Giersch und die Gartenblumen ❤︎ Elkes Kindergeschichten im Sommer

Der Giersch und die Gartenblumen

Er möchte so gerne geliebt werden, der Giersch

„Ich glaube, ich bin zu früh“, sagte die Rose eines Tages. „Ich sollte mit dem Blühen noch warten.“
„Unsinn!“, rief der Giersch, der sich seinen Platz am Fuße des Rosenstrauches erobert und seine duftig weißen Blütenkronen weit geöffnet hatte. „Ich warte mit meinen Blütenkindern schon seit einigen Tagen auf euch. Keiner weiß unser zartes Blütenschleierweiß besser zu schmücken als ihr Rosen mit euren roten Blütenblättern.“
„Meinst du?“ Die Rose zögerte.
„Höre nicht auf ihn! Und hüte dich vor diesem Schmeichler“, riefen die Akeleien.
Nur hier und da ragten ihre roten, weißen, rosa- und lilafarben Blüten, die tanzenden Elfen glichen, aus dem Meer der Gierschblüten heraus. Die hatten sich nämlich überall in den Beeten jenseits der großen Wiese breit gemacht.
„Du nimmst uns die Luft zum Atmen, Giersch“, beschwerte sich die Margerite.
„Und das Licht. Du verdeckst uns das Licht“, sagten die Maiglöckchen.
„Stimmt“, riefen andere Blumen. „Wir haben schwer zu kämpfen, um von den Strahlen der Sonne gefunden zu werden.“
„Wir auch“, beschwerten sich die Essigrosen. „Wir ertrinken in deinem Blattgrün, Giersch.“
„Und wir finden erst gar nicht den Weg zum Licht“, rief es dumpf vom Boden her.
Es waren das Vergissmeinnicht, die Margeriten, Grasnelken, Stiefmütterchen und das tränende Herz, das in diesem Jahr mehr Tränen als sonst vergoss.
„Wohl dem, der einen langen Hals hat“, sagten die Taglilien und reckten sich noch ein paar Zentimeter weiter himmelwärts.
„Ihr sagt es“, klagten die Akeleien. „Er stiehlt uns die Schau, der unverschämte Kerl. Hey, Giersch, hörst du?“
„Ich höre“, antwortete der Giersch. „Und ich bin empört. Auch meine Blumen haben ein Recht zum Blühen.“
„Du bist keine Blume. Du bist ein Unkraut“, rief eine Irisblüte. „Unkraut hat in unseren Beeten nichts zu suchen.“
„Stimmt.“
„Wie recht du hast.“
„Hau ab, Giersch!“
„Du passt nicht zu uns.“
Laut ging es zu im Blumenbeet. Die Gartenblumen schimpften und klagten und waren sich einig: Der Giersch, dieser ungehörige Kerl, gehörte nicht zu ihnen. Er störte und sollte verschwinden.
Der Giersch seufzte.
„Was glaubt ihr, wie schwer das Leben für uns ist?“, klagte er und seine Stimme klang traurig nun. „Keiner mag uns leiden. Überall werden wir vertrieben, ausgerottet und beschimpft. Doch sagt: Sind unsere Blüten so hässlich?“
Hm. Einige der Gartenblumen murmelten ein „Hm!“ oder ein „Eigentlich nicht“ oder ein leises „Nun ja!“, andere blickten schnell in eine andere Richtung, wieder andere verkrochen sich unter ihre Blätter, weil sie dazu nichts sagen mochten.
Still war es wieder im Garten geworden. Nur die hellblauen und gelben Schmetterlinge besuchten die duftenden Gierschblüten und tanzten für sie ihre zärtlichen Tänze. Und Minna, die alte Katze, setzte sich mitten in die Gierschpracht hinein, putzte sich die Pfoten und murmelte:
„Sie sind nicht viel besser als die Menschen. Die Andersartigen wollen sie nicht unter sich dulden, und wenn es unbequem wird, stellen sie sich blind und schweigen.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

05. Juni 2018 von Elke
Kategorien: Auf dem Land, Blumengeschichten, Geschichten für Demenzkranke, Geschichten für Kinder, Geschichten für Senioren, Kindergeschichten, Märchen, Sommergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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