Die kleine Wildbiene und der große Durst

Wiesengeschichte im Sommer – Immer Sonnenschein tut auch nicht gut

„Leer. Sie ist nun auch leer. Oh, ich bin so durstig!“
Die kleine Wildbiene war ratlos. Den haben Tag war sie auf der Suche nach Wasser unterwegs gewesen in den Feldern und bei den Obstwiesen. Vergeblich. Nirgendwo hatte sie etwas zu trinken gefunden. Ein bisschen Nektar bei den Wiesenblumen, doch es waren nur wenige, die in diesen Tagen blühten und süßen Nektar in ihren Blütenkelchen trugen. Viele, so schien es, waren wohl auch durstig. Schlaff hingen ihre Blätter an den Stängeln herab und die Farben ihrer Blüten leuchteten nicht mehr. Blass waren sie und fahl.
„Der Durst schmerzt auch euch“, sagte die kleine Biene mit einem Seufzer. „Ich sehe es genau. Sagt, wisst ihr, wohin das Wasser verschwunden ist?“
Die Blumen schwiegen,
„Redet bitte mit mir!“, bat die kleine Biene. „Ich will doch nur wissen, was mit unserem Wasser passiert ist!“
„Nichts ist passiert! Gar nichts passiert und genau das ist das Problem“, antwortete die Margerite.
„Dann wäre es doch kein Problem. Es ist immer gut, wenn nichts Schlimmes geschieht. So habe ich es gelernt.“ Die kleine Biene wunderte sich. „Und deshalb nun ist das Wasser verschwunden.“
„Man merkt, du bist noch jung bist, kleines Bienentier. Weißt du nicht, dass die Sonne unsere Wasserstellen austrocknet?“, brummte die große dicke Hummel.
„Die Sonne ist schuld?“, rief die kleine Wildbiene voller Schreck. „Ist sie denn etwas Schlimmes?“
Mit einem traurigen Blick sah sie zur Sonne hinauf. Sie mochte diesen großen warmen hellen Himmelsstern sehr. Nein, die Sonne konnte nicht böse sein. Oder?
„Und der Wind tut das Seine“, riefen die Gräser da. „Er pustet mit seinen Winden das Wasser weg und er vertreibt die Wolken. Das ist schlimm. Sehr, sehr schlimm.“
Die Gräser ringsum fingen an, bitterlich zu weinen und auch die Blumen und Blätter an den Büschen und Bäumen, die Schmetterlinge, Käfer, Grillen, Mäuse und all die anderen Wiesentiere taten es ihnen nach. Von überall her war ein Schluchzen und Klagen und Jammern und Weinen zu hören. Ein leises „Wir-sind-so-sehr-durstig!“hing in der Luft.
Die kleine Biene erschrak noch mehr. Den Wind nämlich mochte sie auch gut leiden. Und nun auch die Wolken? Waren die etwa auch schlimm und gemein und brachten die armen Pflanzen und Tiere dazu, Tränen zu vergießen?
Und weil sie nicht schon wieder etwas Falsches fragen wollte, rief sie laut „Ihr bösen, schlimmen Wolken!“ in den Himmel hinauf. „Am besten ihr verschwindet rasch und nehmt die Sonne und den Wind mit, damit das Wasser zurückkehren kann. Hört ihr?“
Sie rief und schimpfte und wunderte sich dann doch sehr, dass alle ringsum nun nicht mehr weinten. Nein, sie lachten. Über sie. Weißt du, warum?

© Elke Bräunling


Unterwegs, Bildquelle © kie-ker/pixabay