Etwas fehlt, wenn der Herbst kommt

Herbstgartengeschichte für Kinder – Die Welt wird bunt, doch etwas fehlt im Garten nun

„Warum ist hier alles so anders?“ Mit traurigen Augen lief das Kind durch den Garten. Immer wieder blieb es stehen und lauschte. Dann schüttelte es den Kopf und ging suchend weiter.
„Wie anders?“, fragte der Großvater. „Der Herbst kommt und die Bäume bereiten sich darauf vor. Ihre Blätter werden sich bunt verfärben, sie werden welken und zu Boden fallen. Das ist der Lauf der Dinge.“
Das Kind schwieg und der Großvater fuhr fort. „Die Blumen aber geben noch einmal ihr Bestes. Sieh dir ihre Farben an, so leuchtend und kraftvoll! Herbstfarben sind die schönsten und eindringlichsten Farben.“ Er stockte, überlegte, ob das Kind diese Worte verstand, dann verbesserte er sich. „Es sind die kräftigsten Farben, die besonders tief strahlen. Siehst du es?“
Das Kind nickte. „Aber das meine ich nicht“, antwortete es endlich. „Es ist etwas anderes, was fehlt.“
„Fehlt? Hier im Garten?“
Wieder nickte das Kind. „Hör doch nur?“
Der Großvater lauschte. „Hm! Da ist nichts.“
„Eben!“, rief das Kind. „Es ist so still hier. Das passt nicht in den Garten.“
„Hm! Still?“ Der Großvater stutzte, lauschte wieder, dann lächelte er. „Ist es nicht wundervoll, Stille genießen zu können. Überall sonst ist es laut. Stille bedeutet Innehalten und Erholung. Ein Geschenk, das uns unser Garten bereitet, findest du nicht auch?“
„Nein.“ Das Kind weinte fast. „Diese Stille sagt, dass sie fort sind.“
„Wer?“
„Die Vögel. Sie singen nicht mehr.“
„Die Vögel?“ Verdutzt hob der Großvater den Kopf und nun lauschte auch er.
„Ich glaube, sie sind für immer weggeflogen“, klagte das Kind. „Auch die Spatzen sind nicht mehr da und die habe ich hier immer, immer, immer gehört. Sie haben meist geklungen, als würden sie laut miteinander streiten. Überall im Garten. Nun schimpfen sie nicht mehr miteinander.“
„Spatzen bleiben da. Und Meisen auch“, murmelte der Großvater. „Sie haben in dieser Zeit im Jahr nur keine Eier in ihre Nester gelegt und müssen nun keine Jungvögel mehr versorgen. Denen zeigen sie gerade die Welt ringsum. Bestimmt sind sie alle auf Futtersuche draußen in den Feldern. Dort gibt es viel für sie zu naschen. Aber sie kommen wieder zurück, denn der Garten ist ihre Heimat.“
„Und die anderen Vögel? Die Amseln, Finken und Schwalben und all die anderen?“
„Sie sind Zugvögel und versammeln sich mit ihren Gefährten, dann ziehen sie zum Überwintern in den Süden. Manche sind auch schon unterwegs, die Lerchen und Drosseln, die Nachtigall, der Rotschwanz, auch die Kraniche und Störche. Aber sie kommen wieder im Frühling. Ganz bestimmt.“
„Schade“, sagte das Kind. „Bestimmt ist er traurig nun, der Garten. Und deshalb kann man dieses Stillsein auch hören.“ Es blickte zu den Feldern hinüber. „Hoffentlich kommen die Spatzen bald wieder von ihrem Ausflug zurück. Zum Streiten. Damit die Stille nicht so laut ist.“

© Elke Bräunling

Spatzen im Garten, Bildquelle © Oldiefan/pixabay