Das schönste Winterblümchen

Wintergeschichte für Groß und Klein – Schön zu sein ist anstrengend … und manchmal auch gefährlich

„Es ist schön, eine Eisblume zu sein, die an einem Fenster blüht“, sagte die prächtige Eisblume mit den sechs Sternenzacken. „Von allen Seiten kann man mich sehen und auch ich kann mir die Welt auch von zwei Seiten ansehen.“
„Gut, gut“, murmelte das magere Alpenveilchen mit dem halb geschlossenen Blütenknospen, das auf dem Fensterbrett stand und auf die Sonne wartete. „Das kann ich auch. Nur muss ich nicht auf einer Fensterscheibe kleben. Das wäre mir etwas zu unbequem.“
„Dafür bist du nicht so schön wie ich.“ Die Eisblume lächelte. Sie war stolz, eine besonders schöne Blume zu sein und das ließ sie jeden auch wissen. „Niemals kannst du so strahlen und glitzern wie ich. Dafür nehme ich die kleine Unbequemlichkeit des Fensters gerne in Kauf.“
„Jaja“, sagte das Alpenveilchen. „Wer schön sein will, muss leiden. So sagen es die Menschen. Aber ist es nicht eher von Vorteil, weniger schön, aber zufrieden mit einem angenehmen Leben zu sein?”
Es schüttelte leicht sein schneeweißes Alpenveilchenköpfchen und schwieg. Es war alles gesagt.
Nein, war es nicht. Die wunderschöne Fensterblume war mit dieser Antwort nicht zufrieden.
„Ist es nicht langweilig, einfach so … zu sein? So ganz ohne Wünsche“, drängelte sie. „Sag, Topfblume, möchtest du nicht auch die Schönste sein und von allen bewundert werden?“
Das Alpenveilchen verstand nicht ganz, was die ehrgeizige Kollegin meinte.
„Die Schönste?“, fragte es und kicherte, „die bist doch du? Was, wenn ich es dir gleich machte?“
„Das wäre spannend. Die Siegerin, die kann nämlich nur ich sein. Sieh nur, wie mein Eiskleid funkelt. Gleich werden die Strahlen der Sonne uns erreichen. Du wirst staunen, wie viel schöner ich dann noch sein werde. Niemal wirst du diese Schönheit erreichen und das ist gut so.“
„Na, dann muss ich mich auch nicht anstrengen“, meinte das Veilchen gleichmütig. „Das Leben wird schon wissen, was es mit uns plant, und es wird das Richtige dazu auch tun.”
Die Eisblume schnaubte nur. Es klang ein kleines bisschen geringschätzig. Doch das störte das Alpenveilchen nicht. Das Gespräch hatte es angestrengt. Es freute sich auf die Sonne, schloss die Augen und schlummerte ein. Es träumte von Licht und Wärme und neuen Blüten.
„Sieh mal, unser Blümchen hat im Licht der Sonne seine Blüten geöffnet!“, hörte es da eine Stimme rufen. „Oh, wie freut mich das! Ist es nicht wunderwunderschön?“
„Stimmt“, sagte eine andere Menschenstimme. „Blumen, die im Winter erblühen, sind die allerschönsten.“
Das Alpenveilchen öffnete verdutzt wieder die Blumenäuglein. Hatte es dies gerade geträumt? Oder freuten sich die Menschen so sehr an der eisigen Fensterblume? Egal. Es war nicht wichtig. Es reckte ein wenig mehr seine Blätter dem Licht entgegen. Die Sonne war nun da. Oh, wie herrlich es doch war, von Sonnenstrahlen gestreichelt zu werden! Ob sich die neue Freundin, die Eisblume, auch so sehr daran erfreute?
Es warf einen Blick zum Fenster und sah dort … einen nassen Fleck und nichts weiter.
„Sie ist weiter gewandert, die Gute!“, murmelte das Alpenveilchen. „Aber hätte sie sich nicht verabschieden können? Das tut man doch so. Nun muss ich die Schönste hier im Zimmer sein. Wie anstrengend das doch ist!“
Aber ein bisschen freute es sich dann doch über die bewundernden Worte, die die Menschen ihm zuflüsterten.

© Elke Bräunling


Winterblümchen, Bildquelle © Pat_Scrap/pixabay

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