Wie der alte Kirschbaum doch weiter leben kann

Den Wintersturm hat der alte Kirschbaum nicht überlebt, doch so ganz muss er auch jetzt noch immer nicht sterben

Heftig hatte der Wintersturm gewütet. Die Bäume hatte er von einer Seite zur anderen gerissen und die kahlen Baumkronen zerzaust. Man hätte meinen können, er wollte sie alle niederreißen. Bei vielen Bäumen gelang ihm dies auch. Mit einem lauten Knacken und Bersten und Stöhnen stürzten sie hier und da zu Boden. Es waren alte Bäume und junge und solche, die alleine und schutzlos dem Sturm im Wege standen.
So auch der Kirschbaum hinten in Oma Wolkes Garten. Vielen Stürmen hatte er in seinem langen Leben standgehalten, doch nun war er müde geworden.
„Ich mag nicht mehr kämpfen“, stöhnte er und klammerte seine Wurzeln nicht mehr ganz so fest in die Erde wie all die Zeiten zuvor. Ihm fehlte die Kraft. Und schon passierte es. Der Sturm hatte ein leichtes Spiel und warf den alten Baum mit einem wilden Huiii!!! zu Boden.
Da lag er nun im Garten und der sah ohne den alten Kirschbaum verändert aus. Kahl irgendwie.
„Armer Baum!“, sagte Pia später. Sie wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. „Ich habe ihn so gerne gehabt. Und seine Kirschen auch.“
„Was wird nun aus den Amseln, die hier ihr Nest hatten?“, fragte Pit. „Und die Eichhörnchen, die Käfer, Schmetterlinge und Bienen? Alle haben sie sich im Frühling und Sommer hier getroffen.“
„Stimmt!“ Pia nickte. „Schön ist das gewesen. Und nun?“
„Nun hat Oma Wolke endlich Platz für neue Gemüse- und Kräuterbeete“, sagte Nachbar Peer von nebenan. „Das ist auch eine gute Sache. Viel zu viel Schatten hat der Baum geworfen und sein Brennholz ist auch nicht zu verachten.“
Er rieb sich die Hände und fragte Oma Wolke gleich, ob er helfen sollte, die Kirschbaumäste aufzuräumen und den Stamm in kleine Brennholzstücke für den Kaminofen zu sägen.“
„Dankeschön“, antwortete Oma Wolke, die bis jetzt noch nichts gesagt hatte. „Das ist eine gute Idee. Aber ich habe eine bessere.“
„Eine bessere Idee?“
„Was für eine?“
„Da bin ich aber auch gespannt.“
Neugierig sahen Pia, Pit und Nachbar Peer Oma Wolke an. Die lächelte.
„Es ist ganz einfach“, sagte sie dann. „Die Äste häufeln wir zu einem kleinen Holzberg auf, den Stamm lassen wir liegen. Die Wildbienen und Käfer und Schmetterlinge werden ihre Freude daran haben und zwischen den Zweigen und im Holz ihre Nester bauen. Und ringsum sähen wir Kräuter- und Wiesenblumensamen aus, damit unser Garten bunt wird und unsere neuen Gäste genügend Nektar zum Naschen finden.
Sie sah Pia, Pit und Nachbar Peer an. „Na, wie findet ihr diese Idee?“
„Toll!“, sagte Pia. „Die Bienen und Käfer und Schmetterlinge werden sich freuen.“
„Und ich freue mich auch. In der Schule nämlich haben wir gelernt, dass Insekten immer weniger Futter finden.“
Auch Nachbar Peer nickte. „Diese Idee gefällt mir“, sagte er. „Ich stifte einen alten Trog, der in meinem Schuppen steht. Bienen, Käfer und Schmetterlinge, und natürlich auch die Vögel, haben auch Durst und freuen sich bestimmt über eine Wasserstelle. Na, was meint ihr?“
Nun ja, dem war eigentlich nicht viel hinzufügen.
„Dann ist der alte Kirschbaum doch nicht umsonst gestorben“, sagte Pit nur noch, und alle fühlten sich gleich viel weniger traurig.

© Elke Bräunling

Der alte Kirschbaum wird zum Bienenhotel, Bildquelle © Nennieinszweidrei/pixabay